Elektromobile: Tanken an der Steckdose

28.06.2012 18:55 Uhr | Aktualisiert 28.06.2012 18:59 Uhr
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Design Award für «Tilt»

Marian Sorge (links) und Robert Dippel freuen sich über den Design Award für «Tilt». (FOTO: ANDREAS STEDTLER)

Von FRAUKE HOLZ
Das Thema Elektromobilität ist in aller Munde. Doch die wenigsten haben schon einmal in einem Elektrofahrzeug gesessen. Kein Wunder, steckt die deutsche Automobilindustrie dahingehend doch noch in den Kinderschuhen.
Halle (Saale)/Magdeburg/MZ. 

Ansätze gibt es viele. So wurden beispielsweise an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg (OVGU) zwei Elektromobile entwickelt, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: "Tilt" und "Editha".

"Tilt" gewinnt Design-Award

Der Name des Experimentalfahrzeuges der Burgstudenten in Halle ist Programm. "Tilt" heißt "neigen" und dies tut der Mittelkorpus des Einsitzers mit Elektroantrieb bei jeder Kurvenfahrt aufgrund einer besonderen Neige-Lenkung.

Seit September vergangenen Jahres tüftelten 13 Industriedesign-Studenten, unterstützt von zwei Professoren, im Rahmen eines Semesterprojektes an dem Modell. "Fertig zusammengebaut haben wir Tilt jedoch erst in Rotterdam", sagt Marian Sorge, einer der beteiligten Studenten. Dort nahmen sie, wie schon einige Burgstudenten zuvor, an dem sogenannten Shell Eco-Marathon in der Kategorie "Urban-Concept-Fahrzeuge" teil. Diese ähneln konventionellen Autos und müssen darüber hinaus straßentauglich sein. "Unser Ziel war es von Anfang an, den Design Award zu gewinnen", so Sorge. Und Tilt kam bei der Jury so gut an, dass sie die Hallenser mit dem begehrten Preis auszeichneten.

Was das Besondere an "Tilt" ist? Vor allem die außergewöhnliche, polygonale Form. Dennoch steht das Experimentalfahrzeug einem gewöhnlichen Automobil in nichts nach: Es verfügt über Außenspiegel, Scheibenwischer, eine Hupe, Licht und sogar einen Kofferraum. Allerdings wurden lediglich alternative, ökologisch vertretbare Materialien eingesetzt: Der Sitz etwa besteht aus Lignin, einem Abfallprodukt aus der Holzindustrie, welches zu mehr als 90 Prozent abbaubar ist.

Angetrieben wird Tilt durch zwei Radnabenmotoren in den Vorderrädern, die von Akkus gespeist werden. "Auch die Stromversorgung sollte ökologisch sein", sagt Sorge und verweist auf das ebenfalls von einem Burgstudenten entwickelte, mobile Windrad, dessen Generator eine Ladestation für die Akkus betreibt.

In Serie wird Tilt jedoch nicht gehen, aber das war auch nie geplant. "Wir wollten einfach ein cooles Ding bauen, das Aufsehen erregt", so Sorge. Und das ist offensichtlich gelungen.

Straßenzulassung für "Editha"

Aufsehenerregend ist auch "Editha". Allerdings weniger aufgrund des Designs, denn als Grundlage für das straßentaugliche Elektromobil diente den Wissenschaftlern der OVGU ein handelsüblicher Smart. Eher im Hinblick auf das, was in Editha steckt. Technisches Alleinstellungsmerkmal des Fahrzeugs ist das eigenständige Antriebssystem, das auf einem neuen Motor- und Batteriekonzept mit elektrifiziertem Antriebsstrang basiert. "Das Fahrzeug verfügt nicht, wie üblich, über einen zentralen Motor", erklärt der Leiter des Projektes, Gerd Wagenhaus, "sondern zwei radnahe Motoren".

Innerhalb kurzer Zeit, beginnend im Juli vergangenen Jahres, rüsteten die Forscher von fünf Lehrstühlen der Fakultät für Maschinenbau Editha von einem konventionellen Smart zu einem Elektromobil um. Die Systemkonfiguration der mechanischen und mechatronischen Elemente wurde an der OVGU entwickelt, während das Batteriemanagement-System und die steuerungstechnische Anpassung des Fahrzeugs von einem Kooperationspartner umgesetzt wurden. "Wir hatten von Anfang an den Anspruch, ein straßenzugelassenes Auto mit voller Funktionalität zu entwickeln", sagt Wagenhaus. Und dass dem so ist, hat Ende Mai auch die Dekra bestätigt und seit Mitte Juni ist Editha zugelassen.

Bei der Entwicklung wurde auf eine energieeffiziente und leichte Konstruktion geachtet. Nicht zuletzt aufgrund dessen konnte eine Reichweite von durchschnittlich 130 Kilometern bei 100 Kilometern pro Stunde realisiert werden. Und wenn die Akkus leer sind? "Aufladen kann man Editha an jeder Haussteckdose", so Wagenhaus.

Mittlerweile hat Editha zahlreiche Testfahrten absolviert und ihre Einsatztauglichkeit unter Beweis gestellt. Zudem wird die Serienfertigung und eine Teilnahme an der Wave-Rallye von Italien nach Nordeuropa im September vorbereitet.

Aber warum trägt das Elektrofahrzeug einen Frauennamen? Editha war die Frau von Otto I. und "wir wollten einen Namen mit regionalem Bezug - Editha war eine starke Frau", erklärt Wagenhaus. "Starkes Fahrzeug, starker Name."