Sarah Schuschkleb mit ihrem Kunstwerk «Neun Drusen» in der Ausstellung der Burg Galerie. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)
Verführerisch appetitlich sieht das Stück Schokolade aus, das auf den ersten Blick an Mandelsplitter erinnert. Es wirkt anziehend lecker. Doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich die süße Kleinigkeit als abstoßend, gar ekelerregend. Auch der Geruch - eine Mischung aus Schokolade und herbem Tabak - wirkt wenig verlockend. Dieser Eindruck ist aber ausdrücklich gewollt. Handelt es sich doch um ein Kunstobjekt und keine Süßigkeit zum Naschen.
"Neun Drusen" heißt die Arbeit in Zartbitter, die von Burgstudentin Sarah Schuschkleb angefertigt wurde. Die Schokoladendrusen offenbaren, wie ihre natürlichen Pendants, erst nach dem Öffnen ihren wahren Kern. Während steinere Drusen glitzernde Kristalle verbergen, befinden sich in den schokoladigen Drusen der 26-jährigen Studentin Zigarettenkippen.
Die Idee zu dem Kunstwerk entstand im Zusammenhang mit einem Wettbewerbsaufruf seitens der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Dort studiert die gebürtige Ludwigsburgerin seit zwei Semestern im Studiengang Plastik in der Fachrichtung Schmuck. Sie sei schon immer von Drusen fasziniert gewesen, sagt Sarah Schuschkleb, denn wenn man sie öffne, offenbare sich etwas völlig anderes. Der Weg zu den von Schokolade umschlossenen Zigarettenstummeln war dann nicht mehr weit. "Innen ist das, was ich will und drumherum befindet sich die Ersatzbefriedigung", erklärt sie ihr Kunstwerk. Die eigentliche Sucht wird durch eine andere Sucht ersetzt. Und die Studentin weiß, wovon sie spricht. Hat sie doch selbst erst vor gut einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört und anschließend einen erhöhten Schokoladenkonsum bei sich festgestellt.
Die von außen unscheinbar wirkende Schokolade überzeugte auch die Jury. Sarah Schuschkleb kam mit 16 anderen Bewerbern in die Endrunde und durfte unter dem Motto "Material Schokolade. Kunstobjekte zur Speise der Götter" in der Burg Galerie im Volkspark ausstellen.
Am Samstag wird sie darüber hinaus im Museum Ritter in Waldenbuch (Baden-Württemberg) mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Sie kehrt damit an den Ort zurück, wo alles begann. Dort, wo das traditionsreiche Unternehmen Alfred Ritter seinen Sitz hat und die Marke "Ritter Sport" produziert wird, hatten die halleschen Studenten im Februar dieses Jahres die notwendigen Techniken und Hinweise zum Umgang mit dem Material Schokolade erhalten. Und: Ritter sponserte die benötigte Schokoladenmenge - je nach Kunstwerk benötigten die Studenten bis zu 15 Kilo.
Dass die Arbeit mit der Schokolade nicht nur Genuss, sondern auch eine Wissenschaft für sich ist, merkte Sarah Schuschkleb schnell: "Man muss Schokolade nicht als Nahrungsmittel, sondern als Material begreifen." Exakt 27 Grad Celsius muss die Schokoladenmasse haben, damit man mit ihr arbeiten kann. Selbst bei dieser Temperatur sei sie noch ziemlich zäh, sagt Sarah Schuschkleb.
Immer wieder tauchte sie die zuvor zusammengeklebten Zigarettenstummel in die zähe Zartbittermasse, ließ sie antrocknen und griff dann zum Messer. Um die symmetrische Form, die einem Spiegeleffekt gleicht, zu erzielen, musste sie einen sauberen Schnitt machen. Einfacher gesagt, als getan, denn entweder bröckelte die Schokolade oder sie schmolz bei Verwendung eines angewärmten Messers. Erst der Einsatz eines Skalpells brachte den gewünschten Erfolg. Rund 50 Versuche waren von Nöten, um die neun perfekten Drusen zu finden. "Es ist wie eine Sucht: Ich wollte sie immer sofort aufschneiden und reinschauen", sagt Sarah Schuschkleb, "und es fiel mir wirklich schwer, eine geschlossene Druse übrig zu lassen."