Gründungsdirektor Benno Parthier (links) und der heutige Direktor Ludger Wessjohann im Foyer des IPB (FOTO: STEDTLER)
Der Mensch ist in seiner Existenz abhängig von Pflanzen. Bei der Erzeugung von Lebensmitteln sind sie unersetzlich, sie dienen als Energielieferant, als Baustoff, als Wirkstoff in der Medizin und der Kosmetik. Die Erkenntnis mag einfach klingen, aber Ludger Wessjohann sieht darin das gebündelt, was die moderne Pflanzenforschung zu einer solch wichtigen Herausforderung macht. "Pflanzen sind die Grundlage aller unserer Lebensbereiche", sagt der geschäftsführende Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle. In diesem Jahr ist es 20 Jahre her, dass die Forschungseinrichtung nach dem Fall der Mauer neu gegründet wurde: Als eines der sogenannten "Blaue-Liste-Institute", die seit 1997 die "Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz", kurz Leibniz-Gemeinschaft, bilden.
Am IPB Halle wird heute in vier Abteilungen geforscht: Molekulare Signalverarbeitung, Natur- und Wirkstoffchemie, Stress- und Entwicklungsbiologie sowie Stoffwechsel und Zellbiologie. Die wissenschaftliche Arbeit am IPB baut dabei auf mehr als nur 20 Jahre der Forschung auf. Denn am Weinberg gründete schon 1958 der damalige Leopoldina-Präsident Kurt Mothes eine Arbeitsstelle für Biochemie der Pflanzen, die zur Akademie der Wissenschaften der DDR gehörte und 1960 die Bezeichnung Institut erhielt.
Mit seinem Ansatz für die künftige wissenschaftliche Arbeit war Mothes seiner Zeit voraus: Er schuf die Voraussetzung für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, indem er Experten verschiedener Fachrichtungen ans Institut holte: Biologen, Chemiker, Biochemiker und Pharmazeuten.
Nach der Wende wurde mit dem Einigungsvertrag im August 1990 das Ende der Akademie der Wissenschaften besiegelt. Über die Zukunft der Institute sollte unter anderem ein Gutachten des Wissenschaftsrates entscheiden, der den Bund und die Länder in Hochschul- und Forschungsfragen berät.
"Es war ein Chaos kurz nach der Wende. Keiner wusste, wie es weitergeht", sagt Benno Parthier, Direktor bei der Neugründung des Instituts. Der heute 79-Jährige ist einer der wenigen Institutsleiter, die von den Mitarbeitern demokratisch gewählt wurden. Im März 1990 war das und die DDR-Akademie der Wissenschaften übergab ihm tatsächlich das Amt - vor der Wende wäre das nicht denkbar gewesen, betont Parthier. Wegen seiner Weigerung, in die SED einzutreten, habe man ihm 1968 schon einmal verweigert, als Mothes' Nachfolger die Institutsleitung zu übernehmen.
Die Begutachtung durch den Wissenschaftsrat im Februar 1991 brachte dem Institut einen positiven Bescheid: Die Experten empfahlen es zur Aufnahme in die "Familie" der "Blaue-Liste-Institute", unter anderem wegen des hohen internationalen Ansehens. Darauf und auf die bisherigen großen Themen Naturstoffe, Signalstoffe und der Wechselwirkung zwischen Pflanze und Umwelt konnte das neue Institut für Pflanzenbiochemie aufbauen, berichtet Parthier.
In den folgenden Jahren kamen aber auch neue Methoden und Themenfelder dazu, sagt der Forscher, der von 1990 bis 2003 auch Leopoldina-Präsident war: "Die Forschung auf molekularbiologischer Ebene führte zu neuen Themen, wie die Biotechnologie und die synthetische Biologie", sagt Parthier. Der immer detailliertere Blick brachte Neuerungen in der Naturstoffanalytik sowie die Einführung der Bioinformatik, um die immer größeren Datenmengen der Forscher auszuwerten.
Auch die Ausstattung änderte sich am IPB mit den Jahren. Immer seltener sind Freilandversuche an der Tagesordnung, stattdessen werden Gewächshäuser und Phytokammern genutzt, die "genau definierte Wachstumsbedingungen für die Versuchspflanzen bieten", wie Wessjohann erklärt. Die Themen am IPB, wenngleich heute fast ausschließlich in der Grundlagenforschung angesiedelt, seien immer auch geprägt von gesellschaftlichen Fragen, so Wessjohann. Um die Menschen auch künftig mit pflanzlichen Lebens- und Futtermitteln, Rohstoffen und Wirkstoffen zu versorgen, muss man die Pflanzen immer besser verstehen lernen. Um zu erkennen, welche pflanzlichen Wirkstoffe nützlich sein können. Aber vor allem auch, um die Pflanzen fit zu machen gegen Krankheiten und Klimastress.