Sprecher des WissenschaftsCampus: Ludger Wessjohann, Direktor des IPB, und Klaus Pillen, Professor für Pflanzenzüchtung. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)
Wenn am Freitagmorgen um 8.45 Uhr der "WissenschaftsCampus Halle - Pflanzenbasierte Bioökonomie" eröffnet wird, dann erwarten die meisten, dass ein Gebäude oder Gelände eingeweiht wird. Doch weit gefehlt, handelt es sich hierbei nicht um einen konkreten Ort, sondern eine Kooperation von zwei Naturwissenschaftlichen Fakultäten der Martin-Luther-Universität Halle (MLU) und drei regionalen Leibniz-Instituten.
Der Campus, der auf eine Idee der Leibniz-Gemeinschaft aus dem Jahre 2009 zurückgeht, hat kein physikalisches Zentrum, obwohl Dreiviertel der beteiligten Institutionen auf dem Weinberg Campus Halle ansässig sind. "Es ist ein virtueller Zusammenschluss", erklärt Klaus Pillen, "der die wissenschaftliche Kooperation von pflanzenwissenschaftlichen und biotechnologischen mit wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschungsbereichen darstellt". Klaus Pillen, Professor für Pflanzenzüchtung an der MLU, ist einer der beiden Sprecher. Um den Campus von hierarchischen Strukturen zu befreien und wissenschaftlicher Arbeit größten Freiraum zu ermöglichen, ist die Leitung an das Rektorat der MLU und das Direktorium des Leibniz-Instituts angegliedert. Letzteres wird durch Ludger Wessjohann, Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie (IPB), vertreten. Er nennt es eine "regionale Initiative im Süden Sachsen-Anhalts" - und er ist sich sicher: "Der Campus ist deutschlandweit einmalig."
Einmalig ist das Thema, dem sich der Forschungsverbund widmet: "Pflanzenbasierte Bioökonomie". Was darunter zu verstehen ist? "Alles dreht sich um Pflanzen", lautet die einfache, aber logische Antwort von Pillen, denn Pflanzenwissenschaften sind seit jeher tief verwurzelt in der Geschichte Sachsen-Anhalts und zählen zu den führenden Deutschlands - denkt man an Persönlichkeiten wie Agrarwissenschaftler Julius Kühn (MLU), Biochemiker Kurt Mothes (IPB) oder Genetiker Hans Stubbe (IPK). Doch was hinter "Pflanzenbasierter Bioökonomie" steckt, ist komplexer. Themenfelder sind die sogenannten "4 F": "Food, Feed, Fibre and Fuel" (Lebensmittel, Futtermittel, Fasern für die industrielle Verarbeitung und Treibstoff). Während die Weltbevölkerung stetig zunimmt, die landwirtschaftliche Nutzfläche jedoch zurück geht und fossile Energieträger in absehbarer Zeit erschöpft sein werden, entwickelt sich die "Pflanzenbasierte Bioökonomie" zu einer Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts. Ziel ist es, einen Weg von der erdölbasierten hin zur pflanzenbasierten Wirtschaft zu finden. "Das Potenzial der Region muss erkannt und bekannter gemacht werden", wünscht sich Wessjohann. Zudem soll der Wissens- und Technologietransfer in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit gestärkt werden.
Unter dem Dach des WissenschaftsCampus, der vom Land Sachsen-Anhalt und der Leibniz-Gemeinschaft gefördert wird, werden rund 1 500 Mitarbeiter tätig sein. Vorerst. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Institutionen hinzukommen.
Obwohl ganz Naturwissenschaftler, zieht Wessjohann den Vergleich zwischen der Arbeit des Campus und der Musik: Der Campus ist das Orchester, in dem die einzelnen Musiker, Institute, gemeinsam musizieren. "Jeder für sich ist ein guter Musiker, aber erst im Orchester entfaltet sich der volle Klang, auch wenn das Zusammenspiel nicht immer einfach ist."