Studenten mit Kind: Wickeln, füttern, studieren

16.08.2012 17:47 Uhr | Aktualisiert 16.08.2012 17:49 Uhr
Jana Baum und Finja auf dem halleschen Universitätsplatz (FOTO: ANDREAS STEDTLER) 
Von FRAUKE HOLZ
Studieren und gleichzeitig ein Kind großziehen - geht das? "Ja", sagt Jana Baum, Medizinstudentin und Mutter der knapp zweijährigen Finja, "aber ohne Partner, Familie und die Unterstützung der studentischen Beratungsstellen ginge das nicht".
Drucken per Mail
Halle (Saale)/MZ. 

Nicht zuletzt sei man von dem Verständnis der Professoren abhängig. Nicht alle würden eine Schwangerschaft während des Studiums unterstützen.

Für die meisten Studenten steht Familienplanung noch nicht auf der Tagesordnung, wie aus der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hervorgeht: Lediglich sieben Prozent der Studenten in den neuen Bundesländern haben ein Kind. Der Großteil stammt aus Fächergruppen, die bevorzugt von Frauen belegt werden: Sozialwissenschaften, Psychologie, Pädagogik oder Medizin. Auffällig ist, dass 63 Prozent der Frauen bei der Geburt 28 Jahre oder älter sind.

Studentische Beratung hilft weiter

Jana Baum, die Medizin an der Universität Halle studiert, war 31 Jahre alt, als Finja auf die Welt kam. "Die Dozenten haben uns empfohlen, während des Studiums ein Kind zu bekommen - später, wenn man arbeitet, ist dies schwieriger", sagt sie. Die Länge des Studiums sei auch ein Grund, weshalb sich viele Medizinstudentinnen während des Studiums dafür entscheiden. Aufgrund der flexibleren Zeiteinteilung während des Studiums ist vieles einfacher als im festen Berufsstand. So kann Jana Baum Vorlesungen, Finja und ihre Arbeit im Klinikum Bergmannstrost Halle unter einen Hut bringen. Zudem dürfte man nach der Geburt bis zu sechs Urlaubssemester einlegen. Dies entspricht der gesetzlichen Elternzeit von drei Jahren. "Ich hätte mir das alles schwieriger vorgestellt, aber bislang klappt es ganz gut", so die 33-Jährige.

Mangel an städtischen Kita-Plätzen und Geldprobleme stellen die Studenten vor eine Zerreißprobe. "Die studentische Beratung hat mich jedoch sehr gut informiert", sagt sie rückblickend. So habe sie unter anderem von dem Begrüßungsgeld für Kinder und dem kostenfreien Mensateller des Studentenwerks Halle erfahren. Auch den Kita-Platz hatte sie schnell sicher. Seit gut einem Jahr geht Finja in die Kita am Weinberg Halle. Träger ist das Studentenwerk Halle, welches auch für die Kita Köthen verantwortlich ist. "130 Plätze haben wir, doch die Nachfrage ist weitaus größer", sagt Leiterin Susanne Saemann, die schon einige Absagen erteilen musste. Der besonderen Elternschaft versucht die Kita beispielsweise mit flexiblen Betreuungszeiten entgegenzukommen. "Im Gegensatz zu städtischen Kitas können die Eltern ihre Kinder jederzeit bringen und abholen", erklärt Saemann. Zudem entfallen Betriebsferien, wodurch eine ganzjährige Betreuung gewährleistet ist. Hat die Kita geschlossen - nach 17 Uhr - , organisieren sich die Studenten eine Tagesmutter oder helfen sich untereinander aus, so die Leiterin. Studenten der Hochschule Merseburg können ihren Nachwuchs stundenweise bis 20.15 Uhr bei den "Campus Kids" abgeben. Nach Vereinbarung ist dies auch am Wochenende und in Ausnahmefällen ganztags möglich. Ähnliches gilt für die vom Studentenwerk Magdeburg eingerichteten "Campuskinderzimmer" an der Uni Magdeburg, die eine Betreuung in den Randzeiten, 16 bis 21 Uhr, anbieten.

"Familiengerechte Hochschule"

Neben Finanzierung und Unterbringung des Kindes kann das Studium selbst ein Problem darstellen. Viele Studiengänge sind sehr starr organisiert, so dass nach dreimaligem Fehlen die Anwesenheitspflicht oft nicht mehr erfüllt ist und das Modul wiederholt werden muss. Es sei denn, es können individuelle Absprachen mit den Dozenten getroffen werden. Im Bereich Medizin ist dies laut Jana Baum oft möglich: "Die Dozenten unterstützen uns Mütter. Man kann einige Scheine nebenbei machen."

Die Hochschulen Sachsen-Anhalts bemühen sich, die Hürden für Studierende mit Kind zu verringern. So tragen mittlerweile fast alle das Audit "familiengerechte Hochschule" der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Um die Bezeichnung bewerben sich Hochschulen mit Konzepten, die Beruf beziehungsweise Studium und Familie vereinbar machen sollen. Die Uni Halle trägt das Audit seit 2009, derzeit befindet sie sich in der Phase der Re-Auditierung.

Trotz einiger Hürden, würde sich Jana Baum immer wieder für ein Kind während des Studiums entscheiden, auch für ein weiteres: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"