Anatoli Timoschtschuk muss im Finale in der Abwehr ran. (ARCHIVFOTO: DPA)
Und dann witzelte der 67-Jährige kokett über sein Alter. Er hoffe doch sehr, dass seine Mannschaft ein Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea vermeiden könne, sagte Heynckes, "das wäre ja schon das dritte Elfmeterschießen in dieser Saison. Ich weiß nicht, ob mein Herz das übersteht." Er lächelte.
Heynckes hat beim FC Bayern vieles verändert, seit er im vergangenen Sommer dem Ruf seines Freundes Uli Hoeneß gefolgt war und zum dritten Mal in seiner Karriere die Profimannschaft der Münchner übernahm. Er hat die Defensive gestärkt und für mehr Kompaktheit gesorgt. Er hat Franck Ribéry mehr Freiheiten eingeräumt und ihm den Spaß am Fußball zurückgegeben sowie die Rochade von Philipp Lahm und David Alaba auf den Außenbahnen der Viererkette vorgenommen, was die Statik des Teams spürbar verbesserte. Vor allem aber hat Heynckes das Klima verändert nach der aufwühlenden Zeit unter seinem Vorgänger Louis van Gaal.
Heynckes hat sich als geschickter Moderator erwiesen, die Charaktere ausbalanciert und die Reservisten bei Laune gehalten. Selbst Ribérys Faustschlag gegen Arjen Robben gilt als ausgestanden, die beiden Diven als versöhnt. "Es ist meine Aufgabe, die Ruhe und Gelassenheit an die Spieler zu übermitteln", sagte Heynckes am Freitag. "Cool bleiben", sei die Maxime. Er bezog sich zwar aufs Finale, doch er hat damit auch einen wesentlichen Teil seiner Alltagsarbeit beschrieben.
Manchmal, wenn er von seinen Erlebnissen aus fast 50 Jahren Profi-Fußball erzählt, stellt sich eine warme Atmosphäre ein, als sitze man am knisternden Kaminfeuer und lausche anrührenden Geschichten. Heynckes kann das sehr gut, er ist ein Wohlfühltrainer. Und er weiß, welche Bedeutung seiner Rolle im Gefüge zukommen kann. "Der Trainer ist ein ganz wichtiger Faktor in einer Fußball-Mannschaft, vielleicht der wichtigste überhaupt in einem Verein", meinte er, als es um Chelseas Coach Roberto Di Matteo ging. Erfahrung könne ein Vorteil sein, sei aber "nicht ausschlaggebend. Wichtiger ist das Konzept und die Strategie und wie man die Mannschaft motivieren kann."
Heynckes beschloss sein Plädoyer für den Kollegen mit dem Hinweis, Kontinuität sei wichtig auf der Trainerposition. Und mit einem Satz, der hängenblieb: "Wenn ich Präsident wäre oder Abramowitsch, ich würde mit dem jungen Mann weitermachen."
Heynckes ist ein höflicher und freundlicher Mensch, frei von Arroganz und Allüren, wie man das im Profi-Fußball so nicht häufig erlebt. Sein letzter Titel in Deutschland liegt schon 22 Jahre zurück, sein größter Erfolg immerhin schon 14 Jahre. 1998 gewann er mit Real Madrid die Champions League.
Nun kann er einen zweiten Verein zum wichtigsten Titel führen. Aber Heynckes steht nach den verpassten Titeln in der Bundesliga und im Pokal unter Beobachtung. Eine weitere Finalniederlage ließe die Münchner wie 2011 ohne Titel zurück. Und Präsident Hoeneß hat ihn nicht nur verpflichtet, um den Klub zu befrieden.
"Das ist eine historische Chance für den Klub und meine Spieler", hat Heynckes über das Finale gesagt. Doch das gilt auch für ihn. Denn trotz seiner zurückliegenden Erfolge begleitet ihn noch immer die Frage, ob er nicht nur ein guter Moderator, sondern auch ein großer Trainer ist. Bei einer Niederlage müsste nun auch die Frage beantwortet werden, ob er in Zeiten des nationalen Rollentausches mit Dortmund ein Impulsgeber für einen neuen Aufbruch sein kann.
Die Bayern haben viele Fragen schon beantwortet. "Jupp ist keiner, der aus einer Emotion heraus fahnenflüchtig wird", hat Hoeneß für den Fall des Titelgewinns gesagt und klargestellt: "Jupp Heynckes wird auch im nächsten Jahr unser Trainer sein." Ob der Treueschwur bis zu Heynckes' Vertragsende 2013 uneingeschränkt gilt, wenn er das Finale verliert?