Mario Gomez (l.) trifft, bevor Gregory van der Wiel eingreifen kann. (FOTO: DPA)
Die Tage davor waren nicht einfach gewesen für den Mittelstürmer, der zur immer seltener werdenden Spezies von Fußballprofis gehört, die Einblicke in ihr Seelenleben gestatten. Also sagte er, schon weit nach Mitternacht: "Ich habe nach meinem Tor gegen Portugal gedacht: Jetzt bist du im Turnier. Und dann kriegst du drei Tage nur auf die Fresse."
Beim Auf-die-Fresse-kriegen hat der 26-Jährige inzwischen erstaunliche Nehmerqualitäten entwickelt. Auch nach Schlägen in sensiblere Bereiche japst er nur noch ganz kurz, ehe er zur Gegenattacke übergeht. Am Mittwochabend hat Gomez dabei vor allem ARD-Experte Mehmet Scholl in die Seile befördert. Der kleine Scholli bekundete danach, er sei "stolz auf Mario". So kurz ist der Weg im Spitzensport vom Pflegefall, Stufe drei, zur Putzmunterkeit, Stufe eins.
Zum EM-Auftakt hatte Gomez den Ball mit der Stirn ins Tor befördert, war sonst aber unsichtbar geblieben. Der technisch anspruchsvolle Kopfstoß wurde freilich weniger belobigt, als dass die vorherige Unsichtbarkeit kritisiert wurde.
Nicht nur von TV-Kritiker Scholl setzte es einen Wirkungstreffer. Auch der Tagesspiegel teilte aus: Gomez habe zwar "seinen Wert für die Mannschaft nachgewiesen", doch der bemesse sich "allein an Toren", ein "Luxus, den sich auf höchstem Niveau niemand mehr leisten kann". Das Blatt untermauert das mit Argumenten: Gomez hat gegen die Top-Five wie oft getroffen in der abgelaufenen Bundesligasaison? Genau null Mal!
In Blättern wie der Stuttgarter Zeitung und der Süddeutschen Zeitung hieß es derweil, Scholl habe stellvertretend für den FC Bayern gesprochen, in der Führung mehrten sich die Zweifel, ob der Mann, für den der Klub einst 35 Millionen Euro an den VfB Stuttgart überwiesen hat, noch der Richtige für ganz große Ziele ist. Andererseits haben die Münchner den Vertrag mit Gomez erst im April bis 2016 verlängert - zu höheren Bezügen.
Gomez seinerseits soll irritiert darüber sein, dass nach der Verpflichtung von Claudio Pizarro auch bayerisches Interesse an Edin Dzeko von Manchester City und Robert Lewandowski von Borussia Dortmund kolportiert wird. Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage - Steinzeitmensch wird von Mitspielern mit durchgezogen, weil er manchmal zum Allgemeinwohl den breiten Schädel hinhält, ansonsten die klobigen Füße aber nicht voreinander bekommt - sind die beiden Treffer gegen die Niederlande viel mehr gewesen als ein bloßer Doppelschlag binnen 14 Minuten. Denn sie entsprangen jeweils technisch höchst anspruchsvoller Fußarbeit. "Weltklassetore", meinte Kapitän Philipp Lahm, "beim ersten nimmt er den Ball sensationell mit, beim zweiten schießt den Ball auch nicht jeder aus diesem Winkel in den Winkel."
Dass der Belobigte mehr persönlichen Zuspruch braucht als andere, hat Joachim Löw erkannt. "Ich war froh, dass der Trainer mit mir gesprochen hat und gesagt hat, dass er entscheidet und niemand sonst", berichtete Gomez. Löw will den persönlichen Anteil psychologischer Unterstützung nicht so hoch hängen: "Mario lag ab und zu am Boden. 2008 hat er bei der EM eine Riesenchance versemmelt, da ist er aus dem Rhythmus gekommen. Aber er hat sich wieder ran gekämpft. Man muss ihn nicht lange aufrichten, er findet seinen Weg immer selbst."
Es war allerdings ein langer Weg. Denn auch die WM 2010 erlebte Gomez mit nur vier Kurzreinsätzen als Schattenmann. Im Rückblick hat er die Folgen seiner vergebenen Doppelgroßchance 2008 in Wien gegen Österreich mal so beschrieben: "Das war alles zu viel für mich. Ich war nicht klar im Kopf. Du willst die Welt in zehn Minuten einreißen. Und dann bist du immer zur falschen Zeit am falschen Ort und rennst blind über den Platz. Das hat mich in der Auswahl zwei, drei Jahre gekostet." Irgendwann hatte es sogar so ausgesehen, als habe er aufgegeben. Er lief nach Einwechslungen mitunter so lustlos herum, dass Löw draußen fast Tobsuchtsanfälle bekam. Bei den Bayern war er nur Ersatz.
Vielleicht ist es aber nun auch so: Vielleicht ist dieser Mario Gomez gar nicht so verletzlich, wie er hinter dem gestählten Gladiatorenkörper unter der Popperfrisur mit seiner leisen Stimme oft wirkt, vielleicht neigt er zur Genügsamkeit, vielleicht muss er hin und wieder so schroff beleidigt werden wie von Scholl, vielleicht braucht er den "Druck ohne Ende", die "hundert Kilo auf meinen Schultern", damit er nach hinten hilft wie gegen die Niederlande, und damit er den Ball so virtuos mitnimmt wie vor dem 1:0.
Da war gar Passgeber Bastian Schweinsteiger "ganz erschrocken. So etwas", spottete der Kumpel, "habe ich vom Mario noch nie gesehen."