Di Natale (l) überwindet Iker Casillas zum 1:0. (FOTO: DPA)
Die spanische Passmaschine hat plötzlich mächtig Sand im Getriebe. Der Weltmeister, Titelverteidiger und Topfavorit legte gegen Italien einen Stotterstart in die EM hin und kam nach 14 Pflichtspiel-Siegen in Serie zur Unzeit nicht über ein 1:1 (0:0) hinaus. Italien verdiente sich seinen Punktgewinn in einem rassigen Spiel mit viel Leidenschaft - sogar ein Sieg wäre nicht unverdient, jedoch angesichts der spanischen Dominanz nach der Pause doch glücklich gewesen.
Italiens Trainer Cesare Prandelli war zufrieden, obwohl seine Mannschaft mit zunehmender Spieldauer erheblich unter Druck geraten war. "Sie haben sich an meine Anweisungen gehalten", sagte Prandelli, der noch auf seinen ersten Titel als Trainer wartet. Die Squadra habe "alles gegeben", das 1:1 "ist ein guter EM-Start". Sein spanischer Kollege Vicente del Bosque meinte: "Wir haben uns bemüht und alles versucht. Wir wussten, dass es nicht einfach wird. In den zweiten 45 Minuten hat sich das Spiel geöffnet. Wir hatten mehr Chancen, aber auch Italien hatte Möglichkeiten. Ob das 1:1 ein gutes Ergebnis ist, wird sich in den nächsten Spielen zeigen."
Hochkarätige Chancen waren vor 38 869 Zuschauern in der "Bernstein-Arena" von Gdansk (Danzig) phasenweise im Minutentakt zu sehen, auch die Azzurri scheuten nicht den Weg nach vorn und gingen sogar in Führung.
Das 1:0 von Antonio Di Natale (61.) mit dessen erstem Ballkontakt hatte aber nur drei Minuten Bestand, dann glich Cesc Fabregas aus (64.). Der Mann vom FC Barcelona war von del Bosque als einzige Spitze aufgeboten worden. "Ich war selbst überrascht, dass ich von Beginn an gespielt habe. Umso schöner war es, das Tor erzielt zu haben", sagte der 25-Jährige.
Del Bosque überraschte schon mit der Aufstellung. Da war kein einziger Angreifer zu finden - eben nur Fabregas, der zumindest in Barcelona ab und an schon mal ganz vorn gespielt hatte. Fernando Torres, von vielen im Sturmzentrum erwartet, saß zunächst nur auf der Bank. Er kam erst nach dem Ausgleich und vergab noch zwei gute Chancen. Der verletzte Torjäger David Villa aber wurde wie auch Abwehrchef Carles Puyol schmerzlich vermisst.
Italien spielte aus Personalnot mit dem gelernten Mittelfeldspieler und 2006er-Weltmeister Daniele de Rossi auf der Innenposition einer Dreierkette. Auch Angreifer Antonio Cassano, der vor sieben Monaten am Herzen operiert worden war, stand in der Startelf. Ein wenig schien Italien anfangs in einer Zwickmühle zu stecken. Der Ball musste dringend von der zuletzt so wackligen Abwehr ferngehalten werden, ohne den Verdacht zu erwecken, ernstlich an druckvollem Offensivspiel interessiert zu sein. Zwar prüfte Andrea Pirlo mal Torhüter Iker Casillas (13.), meist aber war Spanien mit zehn Weltmeistern in Ballbesitz - jedoch nicht am Drücker.
Besonders de Rossi, der ein Grätschen-Warnschild auf die Wade tätowiert hat, fegte oft dazwischen. Da Fabregas sich auch noch fallen ließ und nur zeitweise vorn im Zentrum spielte, fehlte den Spaniern häufig der Abnehmer. Die Italiener dagegen fanden immer wieder einen. So hatte Thiago Motta die Führung auf dem Kopf - Iker Casillas reagierte glänzend (45.).
Ein echtes Rezept, die italienische Abwehr zu knacken, fanden Spaniens Tiki-Taka-Künstler lange nicht - trotz einiger guter Gelegenheiten in der zweiten Halbzeit, von denen jedoch auch Italien ein halbes Dutzend besaß. Die wohl beste vor dem 1:0 vergab Mario Balotelli, der mit dem Ball am Fuß allein auf Torhüter Casillas zulief, aber es verbummelte abzuschließen (53.). Sergio Ramos konnte ihm den Ball vom Fuß spitzeln. Zur Strafe wurde der Stürmer für di Natale ausgewechselt.
Auf spanischer Seite kam Torres spät und stand Sekunden später allein vor Buffon, der sehr gut per Fuß klärte (74.). In der 84. Minute lupfte Torres den Ball über Buffon - aber auch über das Tor.