Joachim Löw brauchte nach dem Ende des Spiels gegen Italien recht lange, um die Niederlage seiner Mannschaft und seiner Taktik zu realisieren. (FOTO: DPA)
Als alles vorbei war, als Deutschland 1:2 gegen Italien verloren hatte und damit ausgeschieden war und die Stadionregie Adriano Celantanos "Azzurro" einspielte und nicht Udo Jürgens´ "Fußball ist unser Leben", hat Joachim Löw versucht, sich einen Weg zum Kollegen zu bahnen. Aber Cesare Prandelli war in einer Traube jubelnder italienischer Spieler und Betreuer verschwunden. So blieb auch dem vorerst letzten Unterfangen des Bundestrainers in dieser Nacht der Erfolg versagt. Löw konnte die Gratulation zwar später nachholen, aber er konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Er konnte seinen Fehler nicht wieder gut machen, den schwersten und den ärgerlichsten, der ihm in seiner DFB-Karriere - und wohl sogar in seiner gesamten Trainerlaufbahn seit der Übernahme der U13-Junioren des SC Winterthur 1994 - unterlaufen ist. Es war nicht so gemeint, aber es klang später wie Hohn, als Prandelli in der Pressekonferenz versuchte, den Kollegen in Schutz zu nehmen: "Die Entscheidungen des Trainers sind immer sehr durchdacht. Aus meiner Sicht kann ich ihm nur gratulieren."
Dann kam Löw, gezeichnet von dem schweren Abend. Es war, als realisiere er erst jetzt, mehr als 60 Minuten nach dem Abpfiff, was passiert war - in jenem Moment, als er sich an einer ersten Gesamteinschätzung versuchte: "Die Mannschaft hat trotz allem, trotz dieses Spiels heute, nach dem wir alle enttäuscht sind, ein hervorragen….ein gutes… ein sehr gutes Turnier gespielt." "Hervorragend" war sein Lieblingswort geworden im Lauf der vier Siege im Turnier. Am Donnerstag kam es nur dieses eine Mal und unvollständig vor. Eine unvollständig hervorragende Mannschaft. "Es ist ein normaler Entwicklungsprozess. Man kann Titel nicht herbeireden", sagte Löw.
Das Spiel selbst besprach der 52-Jährige wie ein Automat, fast in Trance. Seine Mannschaft sei "in der ersten Halbzeit nach dem Tor in Unordnung geraten", dann sei "das zweite Tor gefallen - danach haben wir in der ersten Halbzeit nicht mehr ins Spiel gefunden". Ein Lob noch für die Moral seiner Spieler: "Sie haben in der zweiten Halbzeit großes Herz bewiesen, unermüdlich versucht, den Anschluss zu erzielen."
Den Kern traf diese Analyse nicht, Joachim Löw wusste das vermutlich selbst am besten. Aber was sollte er auch sagen? Sollte er einräumen, dass er seiner Mannschaft einen Bärendienst erwiesen hatte, indem er, möglicherweise auch von ein wenig Eitelkeit des zumindest national anerkanntesten Taktiktüftlers getrieben, seinen Matchplan viel zu sehr an einem 33-jährigen defensiven italienischen Mittelfeldspieler orientierte? An Andrea Pirlo, für dessen Bewachung der Münchner Mittelfeldspieler Toni Kroos zum ersten EM-Einsatz von Beginn an gekommen war. Löw raubte seiner Mannschaft damit deren Stärken. Denn mit der Hereinnahme von Kroos nahm der Trainer in Kauf, die bislang gefährlichste Angriffsseite praktisch aufzugeben. Dort auf Rechtsaußen, wo entweder WM-Torschützenkönig Thomas Müller oder der überragende Bundesligaspieler der abgelaufenen Saison, Marco Reus, erwartet worden waren, um mit ihren Sprints tiefe Löcher zu reißen, trieb sich nun niemand mehr herum, der den Italienern wehtun konnte. Und es war auch niemand da, der vor dem 0:1, das - Ironie des vermeidbaren Schicksals - der genialen Andrea Pirlo mit einem Pass von der Mittellinie aus einleitete, den linken italienischen Verteidiger Claudio Chiellini davon abgehalten hätte, weiter auf Antonio Cassano zu passen. Auf jenen Cassano, vor dessen liebster Finte Löw ausdrücklich gewarnt hatte. Mats Hummels ließ sich dennoch düpieren. "Solche Flanken müssen wir vermeiden", sagte Löw danach streng.
Auch Holger Badstuber hätte nach Cassanos Flanke gegen den Torschützen Mario Balotelli aufmerksamer verteidigen können, erst recht Kapitän Philipp Lahm, der vor Balotellis 2:0 sämtliche Grundsätze aus dem Fußball-Lehrbuch fahrlässig missachtete, indem er erst das Abseits aufhob und dann noch unter dem langen Pass mit durchtauchte, den der Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo geschlagen hatte. Aber die Grundlage für diese in dieser Form und trotz des späten 1:2 durch Mesut Özils Strafstoß auch in dieser Klarheit überflüssige Niederlage hatten nicht die Spieler mit ihren individuellen Fehlern geschaffen, sondern der Trainer mit einer gründlich missglückten Ausrichtung. "Im Nachhinein", wehrte sich Löw kraftlos, "ist es immer einfach zu sagen, es sei falsch gewesen". 500 Seiten Dossiers und 15 DVDs hatte das mit der Gegneranalyse beschäftigte "Team Köln" ermittelt. Die Computer, die dort an der Sporthochschule 45 Studenten hochgefahren hatten, lieferten sicher die richtigen Zahlen und Daten über zu vermutende Lauf- und Passwege der Italiener. "Ich glaube, dass Löw seine Entscheidung auf dem fußen ließ, was er an Erfahrungen schon hatte", sagte Prandelli. Allein: Die Folgen, die der deutsche Kollege aus den Informationen zog, waren die falschen. Denn es bleibt schwer nachvollziehbar, weshalb der Taktiktüftler sich nicht an die eigenen Vorgaben hielt, die da heißen: dem Gegner das eigene Spiel aufzwingen, sich nicht zu sehr an dessen Stärken orientieren, sondern diesem den eigenen Rhythmus vorgeben. Stattdessen ließ Löw seine Spieler im Takt der ausgebufften Italiener tanzen, er unterwarf sich mit seiner Taktik dem Gegner. Auch psychologisch dürfte das nicht die klügste Vorbereitung gewesen sein. Mesut Özil wirkte gehemmt und schien selten zu wissen, wohin er sich am besten bewegen sollte, um nicht dem Kollegen Kroos in die Quere zu kommen. Er habe mit Kroos "die Zentrale gegen Pirlo und de Rossi stärken" wollen, erklärte Löw später matt. Aber er hatte damit ein Durcheinander angerichtet und eine demütige Grundhaltung vorgegeben, die Italien mit der Gefühlskälte eines Auftragskillers für sich zu nutzen wusste.
Für Löw ist das die schwerste Niederlage seiner Trainerlaufbahn. Sie wird ihm zusetzen. "Wenn die Mannschaft verliert, muss ich mich diesen Dingen auch stellen", sagte er am Freitag und übernahm die Verantwortung für die Niederlage. Er ist ein empfindsamer Mensch, der in den acht Jahren seiner DFB-Karriere vor allem eines erfahren hat: Verdientes Lob für seine konsequent vorangetriebene Entwicklung junger Spieler, für die feste Implantierung einer modernen, am Spiel des FC Barcelona orientierten Spielweise, und für eine fein justierte Taktik, die die Schwächen des jeweiligen Gegners optimal zu nutzen weiß.
Und Löw hat ja von sich selbst am allermeisten erwartet, seine Mannschaft zum Titel zu coachen. Die Qualifikation für die EM sei im Grunde "nichts", hatte er sich zitieren lassen, der Titel dagegen "alles". Es stimmte zwar, als Löw kurz vor Mitternacht sagte, sie hätten "zwei hervorragende Jahre" hinter sich, die Mannschaft habe sich "klasse entwickelt und 15 von 16 Pflichtspielen gewonnen". Aber es stimmt nicht, als er hinzufügte, es gäbe "keinen Grund, irgendetwas anzuzweifeln". Natürlich gibt es nun, da allen voran auch der für die Nationalmannschaft prägende Bayernblock drei entscheidende Spiele binnen sechs Wochen verloren hat, Grund für grundsätzliche Zweifel. Denn Mario Gomez hatte ja Recht, als er betrübt feststellte, es werde "jedes Mal nichts, wenn wir kurz davor sind". Joachim Löw droht, mit dieser Goldenen Generation hochbegabter deutscher Fußballspieler zum Trainer einer Spielergeneration zu werden, die in den entscheidenden Momenten nicht in der Lage ist, ihr Leistungsoptimum auszureizen.
"Die Luft", beschied Löw lakonisch, sei nun einmal "sehr dünn auf diesem Niveau", grundsätzlich bewerte er das Turnier "positiv". Die Mannschaft habe ihm "viel Freude" bereitet. Vermutlich wird er diese erste Einschätzung noch einmal überdenken, wenn er sich, wie üblich, mit seinen engsten Mitarbeitern Hansi Flick, Chefscout Urs Siegenthaler, Manager Oliver Bierhoff und Torwarttrainer Andreas Köpke bei einem guten Essen in seinem bevorzugten Hotel im Schwarzwald zum Gedankenaustausch zurückziehen wird, um fernab des Tagesgeschäfts die großen Leitlinien zu ziehen.
Denn es hat kaum Sieger gegeben bei diesem Turnier. Sami Khedira vielleicht, den Mittelfeldspieler von Real Madrid, der eine tiefere Spur hinterließ, als das viele dem 25-Jährigen zugetraut hatten; Mats Hummels vielleicht, der vier Spiele einen international viel beachteten Eindruck hinterließ, ehe er in einer entscheidenden Szene am eigenen Strafraum eine folgenschwere falsche Entscheidung traf und Cassano ziehen ließ. Dafür gab es viele Verlierer: Thomas Müller, der seinen Zorn über die Nichtachtung kaum unterdrücken konnte; Bastian Schweinsteiger, für den das Turnier zur Unzeit gekommen war; Philipp Lahm, dem ein mitentscheidendes Missgeschick bei einem Gegentreffer unterlief; Mesut Özil, der einer der großen Stars des Turniers werden wollte und in den entscheidenden Momenten untertauchte; Lukas Podolski, dessen Zeit abgelaufen sein könnte. Und vor allem: Joachim Löw.