Die Hertha-Fans freuen sich schon auf die Relegation. (FOTO: DPA)
Es war ein Handschlag unter Männern, den Maik Franz und Werner Gegenbauer am Samstagabend in den verwinkelten Katakomben des Berliner Olympiastadions vollzogen. Das verletzte Abwehr-Raubein, gebürtig aus Merseburg und einst für Germania Halberstadt und den 1. FC Magdeburg aktiv, und der umstrittene Präsident von Hertha BSC klatschten sich im Halbdunkel ab, als hätten beide gerade etwas Großartiges geleistet.
Dabei war ohne ihr aktives Zutun nur das Schlimmste abgewendet worden. Und zumindest Altmeister Otto Rehhagel wollte nach dem 3:1 gegen die TSG Hoffenheim nicht in die allgemeine Jubelarie einstimmen. "Heute dürfen sich Zuschauer und Spieler noch freuen, morgen früh müssen wir uns ganz auf die Relegationsspiele konzentrieren", erklärte der 73-Jährige. "Wir haben das erreicht, was wir erreichen mussten. Wir haben aber noch nicht erreicht, was wir erreichen wollen."
Es scheint, als habe nicht nur die hektische Hauptstadt gerade rechtzeitig den Abstiegskampf entdeckt, sondern auch ihr versponnener Notretter noch Zugang zur Materie gefunden. Hertha besitzt die Möglichkeit, über zwei Relegationsspiele am 10. und 15. Mai den sechsten Bundesliga-Abstieg abzuwenden. Das Auslaufen Sonntagmorgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat Rehhagel seinen Assistenten Rene Tretschok und Ante Covic überlassen, um gemeinsam mit Manager Michael Preetz nach Düsseldorf zu fliegen, weil er mit der Fortuna den vermeintlichen Gegner der Relegation ausspähen wollte. Eine sinnvolle Dienstreise. Tatsächlich trifft die Hertha nun auf den Traditionsverein vom Rhein, ein Klub mit dem Rehhagel als Trainer seinen ersten Titel gewann - 1980 den DFB-Pokal. Noch im selben Jahr wurde er entlassen.
Was am Donnerstag in Berlin gefragt ist, weiß der Geschichtsschreiber Rehhagel schon. "Die Leute müssen nun noch einmal wie eine Mauer hinter uns stehen." Der Altmeister spürt, dass die Metropole noch immer zwischen Rückhalt und Resignation schwankt - zum Abstiegs-Endspiel blieben mehr als 20 000 Plätze im Olympiastadion leer. Immerhin: Bis Sonntagmittag gingen für das erste Relegationsspiel 11 000 Karten weg.
Dass Änis Ben-Hatira mit einem Doppelpack (14. und 78.) den vorläufigen Rettungsschirm spannte - danach verkürzte Marvin Compper (85.), ehe Raffael das 3:1 vollbrachte (90. +2) - , entbehrte nicht einer gewissen Pikanterie: Der in Berlin sozialisierte Deutsch-Tunesier hat schwierige Zeiten durchlebt - seine Zwillingsschwester war vor einem halben Jahr an einer U-Bahn-Haltestelle zusammengeschlagen und ausgeraubt worden.
Der bisweilen schwer erziehbare Ben-Hatira, für den Lehrmeister Rehhagel gern Friedrich den Großen zitiert - "wer sich an Regeln hält, hat keine Schwierigkeiten" -, gibt für Preetz einen dieser "Berliner Jungs, die das Herz am rechten Fleck haben". Sichtlich aufgewühlt lehnte der Manager hinterher an einer mächtigen Stahltür. "Das Team hatte einem enormen Druck standgehalten", erklärte der 44-Jährige. Seinem Intimfeind Markus Babbel hatte er beim Hinausgehen flüchtig die Hand gereicht.
Versöhnliche Töne, die auch Babbel anstimmte, als er den verdienten Hertha-Sieg anerkannte. "Uns hat die Gier gefehlt." Und nach 41 Minuten der niederländische Freigeist Ryan Babel, der eine umstrittene Gelb-Rote Karte gesehen hatte.
Herthas Defensiv-Allrounder Peter Niemeyer konnte die unverhofften Glücksmomente kaum fassen: "Wir sind alle froh, dass uns der liebe Gott nach einer so beschissenen Rückrunde noch eine Chance gegeben hat, dem Abstieg von der Schippe zu springen." Draußen dröhnte derweil der Frank-Zander-Refrain "Nur nach Hause gehen wir nicht", zu dem sich die Fans in der Ostkurve in den Armen lagen.
Allet jut? Nicht wirklich. Trainer Rehhagel und Manager Preetz wissen beide um die Labilität ihres Ensembles. Und der Zweitliga-Dritte wird am Donnerstag mehr körperliche Gegenwehr leisten als Erstligist Hoffenheim, dessen größte Auffälligkeit die grellorangefarbenen Jerseys im Müllwerker-Look waren. Dass in der Relegation Stürmer-Draufgänger Pierre-Michel Lasogga fehlt, trifft die Hertha. Der von mehreren Bundesligisten umgarnte 20-Jährige zog sich am Samstag einen Kreuzbandriss zu und humpelte in die Katakomben.
Es hätte bereits als Sinnbild des Berliner Niedergangs getaugt.