Kritik: Spaniens Stil droht zum Selbstzweck zu verkommen

25.06.2012 18:52 Uhr
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Spanien

Spanien trifft im EM-Halbfinale auf Portugal. (FOTO: DPA)

Die Spanier machen doch alles richtig. Sie waren Europameister, sogar Weltmeister. Sie stehen erneut im Halbfinale eines großen Turniers. Ihre Art zu spielen hat einen eigenen Namen bekommen und damit etwas erreicht, das zuvor nur die Italiener in den 80er-Jahren („Catenaccio“) vollbracht hatten. Doch wie viel Schönheit des Spiels darf auf dem Altar des Erfolgs geopfert werden?
Gnewin/dapd. 

Für die spanischen Nationalspieler muss die aktuelle Debatte wie blanker Hohn erscheinen. Sie machen doch alles richtig. Sie waren Europameister geworden, sogar Weltmeister. Sie stehen erneut im Halbfinale eines großen Turniers. Ihre Art zu spielen hat einen eigenen Namen bekommen und damit etwas erreicht, das zuvor nur die Italiener in den 80er-Jahren („Catenaccio“) vollbracht hatten. Sie haben einen Gegner wie Frankreich mit ihrem „Tiki-Taka“-Stil nach Ansicht der Zeitung „Marca“ wie „Marionetten“ aussehen lassen. Es ist die Frage, die fast so alt ist wie der Fußball selbst: Wie viel Schönheit des Spiels darf auf dem Altar des Erfolgs geopfert werden?

„Was kann schlecht daran sein, wenn man einen Gegner so dominiert“, fragte folglich die Zeitung „El Mundo“ am Tag nach dem 2:0 gegen Frankreich, fügte aber gleich an: „Ist das ein Teil der Entwicklung?“ Die „El Pais“ überhöhte die spanische Art des Erfolges als „Kunst des Wettkampfes“ und bestätigte damit die Ansicht von Nationaltrainer Vicente del Bosque, der sich schon seit Turnierbeginn dieser Diskussion entzieht. „Bei einem solchen Turnier geht es nur darum, zu gewinnen“, sagt er.

Zwtl.: „Langweilig“ oder einfach nur „effizient“ ?

Doch es gibt nicht wenige spanische und andere europäische Journalisten, die das, was Xavi, Iniesta und Co. bei dieser EM zeigen, hinter vorgehaltener Hand weiterhin als „langweilig“ titulieren. Und die, die es weniger plakativ mögen, sprechen von „effizient“ - was in den Augen der Fußballromantiker dasselbe meint. Dabei hat diese Diskussion gerade in Deutschland etwas Heuchlerisches, denn mit Ausnahme des EM-Titels 1972 hat die DFB-Elf ihre Welt- und Europameisterschaften selten durch Ästhetik gewonnen. Die deutsche Effizienz war lange ein im Ausland gefürchtetes Markenzeichen. Und dass die Löw'sche Idee vom Offensivfußball auch zu Titeln führen kann, muss eben noch bewiesen werden. In Schönheit gestorben sind schon viele große Nationen. Spanien allen voran.

Dabei hat Spaniens Nationalmannschaft die Fallhöhe der öffentlichen Wahrnehmung selbst definiert. 2008, als der Siegeszug der Seleccion begann, berauschte sich Europa noch am Offensivspiel der Iberer. Zwölf Tore schossen sie damals, in sechs EM-Spielen. Nach dem 1:0 im Finale gegen Deutschland wollten Beobachter eine „Klatsche“ gesehen haben, was der Wahrheit erschreckend nahekam.

Zwtl.: „Das Spielmacher-Paradoxon“

Doch inzwischen droht Spaniens Dominanz auf dem Spielfeld zum Selbstzweck zu verkommen. Die Taktiker haben schon länger Erklärungen für das Problem der Seleccion, das im Übrigen schon bei der Weltmeisterschaft 2010 zum Tragen kam. Damals errang die Mannschaft von Vicente del Bosque den Titel mit nur acht geschossenen Toren - in sieben Spielen. Der Blog „Spielverlagerung.de“ nennt es „Das Spielmacher-Paradoxon“, die fast schon unverschämte Ansammlung von spielstarken und technisch nahezu perfekten Mittelfeldspielern auf dem Feld. Dabei wirken sie bisweilen wie ein Schwarm fleißiger Bienen, denen der Stock fehlt, in den sie zielgerichtet fliegen können.

„Spanien ist wie Barcelona ohne Messi“, so lautet ein vor allem in den sozialen Netzwerken viel zitierter Spruch in diesen Tagen. Gleichwohl als Kritik formuliert, trifft er in seiner Einfachheit sogar den Kern des Problems, sowohl aus taktischer wie aus fußball-romantischer Sicht. Denn es ist kein Geheimnis, dass sich Nationaltrainer Vicente del Bosque am Branchenprimus der vergangenen Jahre orientiert, stellt der Verein aus Katalonien doch auch den Kern der Nationalmannschaft. Und doch ist es der kleine Argentinier Messi, der den Ballbesitzorgien in Barcelona die finale Berechtigung gibt, sie durch seine Geniestreiche im Sturm und das damit verbundene Spektakel in gewisser Weise legitimiert.

„Das Grundprinzip des Spiels ist die Freiheit“, sagte Messis Landsmann Luis Cesar Menotti dem „Tagesspiegel“ vor zwei Jahren in einem Interview. Der argentinische Weltmeistertrainer von 1978 ist der intellektuelle Vater jeder Ästhetik-Debatte im Fußball, er hat den Begriff des „linken“, also des schönen Fußballs, geprägt. „Man kann einen Fußballer nicht in ein Schema pressen, das nur vom Erfolg geprägt ist, denn es würde den Tod des Sports bedeuten“, sagt Menotti. Nun wird der Fußball auch bei einem erneuten Titelgewinn Spaniens nicht sterben. Etwas schöner darf es jedoch schon vonstattengehen.