Lukas Podolski und Mesut Özil auf dem Weg zum Flugzeug. (FOTO: DPA)
Exakt um 15.05 Uhr ist am Montag der Jumbo-Jet aus Frankfurt (Main) mit der deutschen Mannschaft in Gdansk (Danzig) gelandet. Pünktlich wie die Maurer, könnte man sagen, aber Joachim Löws Team kann ja gar nicht mauern. Eine kleine Panne am nagelneuen Riesenflieger der Lufthansa verzögerte den weiteren Ablauf - die vordere Tür klemmte. Erst nach 13 Minuten konnte der Bundestrainer als erster DFB-Mensch die Gangway betreten.
Auf dem 70-minütigen Flug hatte es unter anderem Sauerkraut mit Klößen zu essen gegeben, zudem ein kleines Geschenk sowie ein Ständchen eines polnischen Comedians für Lukas Podolski, der seinen 27. Geburtstag feierte. Wer nach der Landung von großem Empfang mit Blasmusik oder rotem Teppich geträumt hatte, wurde enttäuscht. Nach 28 Minuten verschwand der DFB-Tross in einer Wagenkolonne Richtung Hotel.
Für die Männer, die im Hintergrund arbeiten, sind Tage wie diese die große Herausforderung. Einen riesigen Berg Material karrt der Verband an. 37 Tonnen, darunter ein Poolbillard-Tisch, kamen mit sechs Lkw schon Tage zuvor. In die Lufthansa-Maschine haben die Zeugwarte Manfred Drexler und Thomas Mai das gepackt, was gute Fußballer erst zu deutschen Nationalspielern macht: DFB-Trikots mit den drei Weltmeister-Sternen, dazu Trainingskleidung, Schuhe in allen Varianten und Größen von 38 für Philipp Lahm bis 48 für Per Mertesacker, Ausgehanzüge, Freizeitkleidung, alles. Eigentlich hätten die Spieler in Unterhose mit dem Toilettenbeutel unter dem Arm zum Flughafen kommen können.
In 21 Vorreisen nach Polen und in die Ukraine haben Organisationschef Georg Behlau und Nationalmannschaft-Manager Oliver Bierhoff die Lage erkundet. Mittlerweile ist perfektes Organisieren zu einem Nebenerwerb des DFB geworden: "Wir verkaufen Teile unseres Know-how inzwischen auch an andere Verbände, aber wir müssen auch aufpassen, dass wir unseren Vorsprung und unsere Betriebsgeheimnisse behalten", sagt Behlau.
Gebucht hatten sie schon vor der Gruppenauslosung - das Hotel "Dwor Oliwski", für dessen Namen sich in Deutschland in den letzten Tagen die praktisch und logisch klingende Übersetzung "Olivenhof" eingebürgert hat. Das ist nur korrekt, wenn man mit der Hälfte zufrieden ist: Dwor heißt Hof. Allerdings Oliwski nicht Oliven. Es stammt vielmehr von Oliwa, einem Ortsteil. Allerdings heißt Oliwa auch Olivenöl. Schwierig - aber ein bisschen pingelig muss man sein, sonst hätte man das legendär einsame EM-Quartier Mottram Hall 1996 ja auch mit Mottenhalle übersetzen können. ARD-Reporter Waldemar Hartmann, der es damals aufrichtig hasste, hätte das sicher gern getan.
Das Gute am Dwor Oliwski im zur Dreistadt Gdansk gehörenden Badeort Sopot ist: Dwor bedeutet auch Gutshof, und in diesem Stil kommt das malerisch gelegene Fünf-Sterne-Haus mit 70 Zimmern und einigen Suiten auch daher. Die Partymeile am Strand ist weit genug weg, die Deutschen werden im "Tal der Freude" recht abgeschirmt leben. Sicherheitspersonal ist schon auf dem Waldweg präsent, von dem aus die Gebäude noch gar nicht zu sehen sind. "Wir wollen kein Fort Knox, aber wir wollen Ruhe", sagt Organisationschef Behlau. Jürgen Klinsmanns Philosophie der City-Unterbringung haben sie beim DFB längst wieder abgestreift.
Drei Radminuten von der Unterkunft entfernt hat der Verband einen Trainingsplatz angelegt. Er ist mit Planen umgeben, damit niemand sehen kann, wie Joachim Löw Standard-Varianten einstudiert. Der Platz ist nur knapp 60 Meter breit, "sonst hätten wir einen Bachlauf umlegen müssen", so Behlau. Der kurze Radweg zum Trainingsplatz ist ein Ergebnis der Kritik an der "Tunnellösung" bei der EM 2008. Im Tessin musste das Team durch eine kilometerlange Unterführung zum Training. "Da hatte am Ende keiner mehr Lust drauf, der Tunnel kam uns bei jeder Fahrt ein Stückchen länger vor", erinnert sich Behlau.
Gebucht ist das Quartier bis zum Finalwochenende. Wenn sie früher nach Hause müssen, wäre das aus finanzieller Sicht kein Problem. Ein Ergebnis der Euro steht ja schon fest: Der Verband wird sie im Plus abschließen, egal wie die Mannschaft abschneidet. Dank der Uefa-Prämien wird das Turnier zwischen acht (beim Vorrunden-Aus) und 23,5 Millionen Euro (beim Finalsieg) Gewinn abwerfen.
Womöglich müsste man beim frühen Aus nach der Gruppenphase aber ein paar Abfindungen abziehen. Bislang aber beziehen sich alle Treuebekenntnisse zum Bundestrainer auch auf den schlimmsten Fall.