Schalkes Julian Draxler hat früh seine Fußball-Karriere die Schule abgebrochen. (FOTO: DPA)
Vorbei die Zeiten, dass das Aufgebot einer deutschen Nationalmannschaft auf der Zugspitze oder mit Nachbildungen aus Pappmaché präsentiert werden. Am Montag in der Barock- und Residenzstadt Rastatt hat das neonbeleuchtete Kundencenter eines Autohauses genügt, um unvermittelt die Namen jener 27 Kandidaten an eine weiß getünchte Wand zu werfen, die Joachim Löw ins vorläufige Aufgebot für die bevorstehende EM in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) beruft.
Ein kurzes Raunen ging hernach durch die Stuhlreihen, weil weder Linksverteidiger Dennis Aogo (Hamburger SV), der Allrounder Christian Träsch (VfL Wolfsburg) und Mittelfeldmann Simon Rolfes (Bayer Leverkusen), zuvor oft genug im erlauchten DFB-Zirkel dabei, gelistet waren. „Der aktuelle Formzustand“, führte der konsequente Bundestrainer aus, hätte bei diesem Trio zur Nicht-Berücksichtigung geführt.
Stattdessen sind nun Marcel Schmelzer oder Ilkay Gündogan (beide Borussia Dortmund) dabei. Die größte Überraschung stellte gleichwohl der erst 18-jährige Novize Julian Draxler (FC Schalke) dar. „Hohe Spielintelligenz“, bescheinigte Löw dem talentierten Linksfuß. Nichtsdestotrotz dürfte Draxler wohl zu jenen vier Kickern gehören, die am 29. Mai noch der Bannstrahl trifft, wenn der 23er-Kader fürs Turnier gemeldet werden muss. Nach einer zweitägigen Klausurtagung im Schwarzwald mit den Assistenten Hansi Flick und Andreas Köpke wurde zudem entschieden, mit Marc-André ter Stegen (Mönchengladbach) einen vierten Torwart zu berufen, der laut Löw „eine überragende Saison“ hinter sich habe. Der gerade 20-jährige Ballfänger, der „das moderne Torwartspiel praktiziert, das wir sehen wollen“, wie Bundestorwarttrainer Köpke meint, besitzt sogar realistische EM-Chancen. Weder Tim Wiese noch Ron-Robert Zieler sollten sich zu sicher sein, führte Köpke sinngemäß aus, die Reihenfolge sei offen: „Nur die Leistung entscheidet.“ Nicht einlassen wollte sich der Trainerstab auf einen vierten Angreifer: Löw verzichtete bewusst auf den zuletzt so treffsicheren Patrick Helmes (VfL Wolfsburg), weil der ein „Konterspieler“ sei. Wenn der Raum vorn eng werde, sei Cacau aus Stuttgart besser geeignet: „Er hat bei uns als Joker überzeugt.“
Löws Auswahl weist noch ein anderes Ungleichgewicht auf: So sind mit Philipp Lahm und Schmelzer nur zwei gelernte Außenverteidiger dabei, der Trainer verwies darauf, „dass Jerome Boateng rechts wie links“ könne, Benedikt Höwedes „flexibel“ sei. Hörte sich irgendwie nach Notlösung an. Wo die Allzweckwaffe Lahm auflaufe – womöglich rechts wie im Verein – werde nach einem Gespräch mit dem Kapitän festgelegt. Zur Abreise ins Regenerations-trainingslager auf Sardinien werden an diesem Freitag am Frankfurter Flughafen nur elf Nationalspieler erscheinen, schließlich sind allein acht Bayern und fünf Dortmunder Auserwählte tags darauf noch im DFB-Pokalfinale gefordert, die Real-Stars Mesut Özil und Sami Khedira in der spanischen, Miroslav Klose mit Lazio Rom in der italienischen Meisterschaft.
Vor allem das lange Fehlen der Münchner Profis erschwert die Vorbereitung extrem, denn diese Abordnung trifft erst nach dem Champions-League-Endspiel (19. Mai) und einem sinnfreien Versöhnungskick zwischen dem FC Bayern und der niederländischen Nationalelf am 22. Mai im zweiten Trainingscamp in Südfrankreich ein. Auf die Tränendrüse drückt Löw deshalb längst nicht mehr. „Wir müssen innerhalb kürzester Zeit ein Team formen, das Herausragendes leistet“, sagte der 52-Jährige und versprach: „Wir machen das Beste daraus.“ Der Badener weiß, dass von seinem befähigten Ensemble der EM-Titel erwartet wird: „Die Messlatte ist immer weiter nach oben gerückt.“ Er stellte aber klar, „dass wir nicht der Topfavorit sind“. Maß aller Dinge sei Welt- und Europameister Spanien.
Auch zu politischen Dingen und seiner Haltung zur Ukraine hatte der Bundestrainer eingangs Stellung genommen. „Wenn sie mich als Bundestrainer fragen, sage ich, dass wir in Deutschland ein Bild geprägt haben, für was unser Fußball steht: Spaß, Freude, Integration - dafür, Menschen zusammenzubringen.“ Einen Boykott halte er nicht für sinnvoll. „Natürlich bin ich der tiefen Überzeugung, dass die Menschenrechte eines unserer höchsten Güter ist. Mit denen identifiziere ich mich ebenso wie mit Werten wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, dem Schutz von Minderheiten und natürlich auch mit einem humanitären Umgang mit Frau Timoschenko“, sagte er in Richtung der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin. Man werde aber nicht als Weltpolizei in die Ukraine reisen. „Wir streben nur den sportlichen Erfolg an.“
Der vorläufige DFB-EM-Kader:
TOR
Manuel Neuer (26 Jahre, Bayern München), Tim Wiese (30, Werder Bremen), Marc-André ter Stegen (20, Borussia Mönchengladbach), Ron-Robert Zieler (23, Hannover 96)
ABWEHR
Holger Badstuber (23), Philipp Lahm (28), Jerome Boateng (23, alle Bayern München), Marcel Schmelzer (24), Mats Hummels (23, beide Borussia Dortmund), Per Mertesacker (27, FC Arsenal), Benedikt Höwedes (24, Schalke 04)
MITTELFELD
Bastian Schweinsteiger (27), Toni Kroos (22), Thomas Müller (22, alle Bayern München), André Schürrle (21), Lars Bender (23, beide Bayer Leverkusen), Sami Khedira (25), Mesut Özil (23, beide Real Madrid), Marco Reus (22, Borussia Mönchengladbach), Sven Bender (23), Ilkay Gündogan (21), Mario Götze (19, alle Borussia Dortmund), Julian Draxler (18, Schalke 04), Lukas Podolski (26, 1. FC Köln)
ANGRIFF
Mario Gomez (26, Bayern München), Miroslav Klose (33, Lazio Rom), Cacau (31, VfB Stuttgart)