Niederlande: Holland will wenigstens in Schönheit sterben

15.06.2012 19:44 Uhr | Aktualisiert 15.06.2012 19:44 Uhr
Drucken per Mail
Bert van Marwijk (l) und Wesley Sneijder

Bert van Marwijk (l) und Wesley Sneijder tüfteln an der richtigen Taktik. (FOTO: DPA)

Vize-Weltmeister Niederlande greift nach dem letzten Strohhalm und setzt auf totale Offensive. Trotzdem glaubt der portugiesische Startrainer Jose Mourinho, dass seine Landsleute Oranje aus der EM schießen werden.
Charkiw/sid. 

Tod oder Gladiolen: Mit totaler Offensive wollen die Niederlande noch in das Viertelfinale der EM stürmen - doch „Voetbal total“ alleine wird ihnen nicht weiterhelfen. Holland ist nach zwei Niederlagen in höchster Not und nicht mehr Herr seines Schicksals: Der Sturm auf das Tor zur K.o.-Runde kann nur gelingen, wenn Deutschland, ausgerechnet Deutschland, ein bisschen Schützenhilfe leistet - und tatsächlich fühlt sich Oranje hilflos.

„Wir sind abhängig von Deutschland, und das fühlt sich nicht gut an“, betont Arjen Robben vom FC Bayern München. Egal, was Deutschland macht: Die Niederlande muss erst mal gegen Portugal gewinnen, und Oranje hat sich vorgenommen, in diesem letzten Gruppenspiel am Sonntag in Charkow (20.45 Uhr/EinsFestival) wenigstens in Schönheit zu sterben. Dafür opfert Bondscoach Bert van Marwijk, dessen Stuhl trotz eines Vertrags bis 2016 ins Wackeln geraten ist, wohl sogar seinen Schwiegersohn und Kapitän: Mark van Bommel.

Dagegen wird wohl Klaas-Jan Huntelaar von Schalke 04 von Beginn an spielen, ebenso Rafael van der Vaart, zwei weitere Offensivspieler also. Ob van Marwijk wirklich noch die Zügel in der Hand hat, erscheint derzeit aber zumindest fraglich: Wesley Sneijder ist in die Chefrolle geschlüpft. Der überragende Niederländer der WM 2010 gibt im Training und auf dem Platz den Ton an. Eine Laufeinheit beendete der Mittelfeldstar von Inter Mailand spontan ohne Rücksprache mit dem zuständigen Trainer.

Und auch im Deutschland-Spiel war es Sneijder, der nach der Pause die veränderte Oranje-Offensive in seinem Sinne dirigierte. Entsprechend offensiv forderte Sneijder nach der Niederlage gegen das DFB-Team (1:2) die Veränderung der ersten Elf: „Huntelaar und van der Vaart sind Superspieler. Sie haben bewiesen, dass sie in die Startelf gehören“, sagte er. Damit sprach der 28-Jährige vielen Experten wie „König“ Johan Cruyff und den 16 Millionen „Bondscoaches“ in der Heimat aus der Seele. Neben van Bommel müsste dann auch Ibrahim Afellay seinen Platz räumen. Und Startstürmer Robin van Persie sich endlich mal über 90 Minuten mit Huntelaar arangieren.

Jose Mourinho ist es dagegen völlig egal, was die Niederländer ändern. Für den portugiesischen Startrainer von Real Madrid ist klar: „Wenn Portugal am Sonntag gegen die Niederlande seine Pflicht tut, steht es im Viertelfinale“, sagte Mourinho. Zwar hat auch Portugal im torlosen Superstar Cristiano Ronaldo derzeit ein echtes Sorgenkind, doch nach dem 3:2 gegen Dänemark betreiben die Iberer Jammern auf hohem Niveau. Immerhin hat Portugal hat sein Schicksal selbst in der Hand. Ein Sieg heißt: Viertelfinale.

Zudem spricht die Staistik gegen die Niederlande: In zehn Spielen gegen Portugal gab es nur einen Sieg für den Elftal, und noch nie hat eine Mannschaft nach zwei Niederlagen zu Turnier-Beginn noch die K.o.-Runde erreicht. Kuriosum am Rande: Verlöre Holland gegen Portugal und Deutschland gegen Dänemark, dann wäre der deutsche Erfolg gegen die Niederlande nichts mehr wert - das Team von Bundestrainer Joachim Löw wäre draußen. Das wäre ein kleiner Trost für alle Holländer, die derzeit viel Hohn und Spott über sich ergehen lassen müssen. Über Twitter kalauerte ein User: „Die Holländer waren noch müde van der Vaart.“ Zudem entstehen neue Wortkreationen. Vorrundenaus auf Niederländisch heißt jetzt „Heimrobben“. Sogar die Werbung springt auf den Zug auf und rät: „Machen Sie es wie die Holländer, erleben Sie das Finale vor dem Fernsehen.“

Die niederländischen Anhänger in Charkiw erlebten am Donnerstagabend eine erste Götterdämmerung. Ein schweres Gewitter zog über die Stadt und flutete die Fanzone. Für Sonntag haben die Wetterdienste erneut Unwetter-Warnung gegeben. Es braut sich was zusammen über dem niederländischen Fußball.