«Giulio Cesare in Egitto»: Cecilia Bartoli bewirkt ein Pfingstwunder

30.05.2012 19:49 Uhr | Aktualisiert 30.05.2012 22:22 Uhr
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Cecilia Bartoli

Cecilia Bartoli singt die Cleopatra. (FOTO: HANS-JÖRG MICHEL)

Von joachim lange
Normalerweise würde bei einem Nobelfestival das Chaos ausbrechen, wenn ein Star wie Anna Netrebko in letzter Minute absagen muss. In Salzburg besorgt sich die Intendantin im Handumdrehen einen Ersatz wie Mojca Erdmann und springt obendrein selbst noch kurzfristig ein, obwohl sie eh schon eine tragende Rolle in der Festspiel-Opernproduktion singt. Und die Cleopatra in Händels meistgespielter Oper "Giulio Cesare in Egitto" hat es in sich.
salzburg/MZ. 

Aber diese Jung-Intendantin auch. Denn es ist die Koloraturgranate, das Energiebündel und seit zwei Jahren ja auch Händelpreisträgerin Cecilia Bartoli! Sie ist die neue Leiterin, Ideengeberin und obendrein eine der Haupt-Akteurinnen bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Dort hatte in den letzten Jahren Riccardo Muti seine neapolitanischen Barockausgrabungen mit musikalischem Hochglanz- und angestaubter Bühnenlangeweile gepflegt. Für den Sommer steht Alexander Pereira mit der festen Absicht und guten Chancen ante portas, den Festspielzirkus noch größer, nobler und einträglicher auf Super-Event zu trimmen. Sozusagen als Vorbotin startete die Bartoli jetzt zu Pfingsten schon mal durch wie eine Rakete.

Das darf man sogar wortwörtliche nehmen: Beim Versuch, den mit beachtlicher Streitmacht und einem Planungs- und Scheckköfferchen mit EU-Sternen darauf angereisten Cesar aus seinem blauen Politiker-Anzug zu locken, um ihn als Liebhaber und im Machtkampf gegen ihren Bruder als Verbündeten zu gewinnen, schwingt sich die Bartoli als Höhepunkt einer 3D-Show für den Staatsgast tatsächlich auf einen Marschflugkörper und geht mit ihm in die Luft.

Was da noch mit Szenenapplaus bedacht wurde, brachte am Ende dem Regieteam etliche Buhs ein. Moshe Leiser und Patrice Caurier hatten nämlich die Idee, dem Salzburger Publikum in einer beherzt zusammengestellten Collage ein Resümee der Regietheater-Taten und -Untaten der letzten Jahrzehnte zu servieren. Da erinnert zum Beispiel das Militär-Ballett an die Inflation von Kampfanzügen und MPis auf allen deutschen Bühnen. Ein Zitat auf der von Christian Fenouillat geöffneten, verrückten und vollgerümpelten Bühne jagt das andere. Am Ende gibt's dann noch, als wäre hier Konwitschny am Werk, Sekt und Narrenkappen für die Mächtigen und einen (deutschen) Panzer, der vom Platz hinterm Festspielhaus nach drinnen zielt. Auf sowas muss man sich einlassen wollen. Zumal in den augenzwinkernden Regie-Erinnerungsturbulenzen auch der Platz für die ernsten Momente der Trauer und des Unglücks bleibt.

Vor allem aber für eine atemberaubende musikalische Sensation. Die findet aber nicht als Stimmen-Wettstreit um die beeindruckendste Barockröhre, sondern als ein von innen leuchtendes virtuoses Stimmenwunder statt. Dafür fährt man in Salzburg eine Besetzung auf, die es so eigentlich auf der Bühne gar nicht gibt. Natürlich wird jeder Cleopatra-Auftritt der Bartoli zu einer frechen Show für sich. Dazu gleich vier Countertenöre: Andreas Scholl ist der betörend koloraturgeschmeidige Cesare, Philippe Jaroussky der hinreißend jugendlich einfühlsame Sesto, Christophe Dumaux der vitale, auf perversen Jung-Despoten gebürstete Tolomeo.

Damit sind hier nicht nur alle Männerrollen auch mit Männern besetzt. Als Pointe des barocken Spiels mit den Geschlechtern gibt Jochen Kowalski in exzellenter Form die Kammerdienerin Nirena. Anne Sofie von Otter ist eine wunderbar warm timbrierte, ans Herz rührende Cornelia. Ruben Drole (Achilla) und Peter Kálmán (Curio) komplettieren das Ensemble.

Die Festspielstars Philippe Jaroussky und Vesselina Kasarova werden werden nach ihren Auftritten dieser Tage nach Halle weiter reisen. Und vielleicht erinnert sich ja auch Cecilia Bartoli daran, dass sie wieder einmal in die Saalestadt kommen wollte. Bei ihrem diesjährigen Einstand zum großen Thema Cleopatra jedenfalls schwebte über dem Festspielbezirk der Geist Händels. Und sorgte für ein musikalisches Pfingstwunder!