Robbie Robertson war ganz schwer erstaunt. "Ist der Typ etwa dabeigewesen", fragte er nach der Lektüre von John Nivens Buch "Music from Big Pink", das genau so heißt wie ein Album von Robertsons Band The Band, weil es beschreibt, wie die Gruppe das Werk damals einspielte. Aber nein, war Niven nicht. Schließlich kam der Schotte erst vier Jahre nach der Veröffentlichung des wegweisenden Werkes zur Welt.
The Band hatte ihre große Karriere da schon so gut wie hinter sich. Mit "Moondog Matinee" und "Northern Lights - Southern Cross" erschienen noch zwei Alben mit Coversongs und synthesizergeprägten Eigenkompositionen. Bei letzterem aber hatten Robertson die Band, die Bob Dylan jahrelang begleitet hatte, schon aufgelöst.
Niven interessiert denn auch der Moment, bevor es los ging, bevor aus den fünf jungen Männern, die sich The Hawks nannten, eine Band wurde, die die Musikgeschichte veränderte. Die Handlung spielt in Woodstock, irgendwann Mitte der 60er Jahre, Nivens Held ist der kleine Drogendealer Greg Keltner, der großen Stars all die Sachen bringt, die sie brauchen, um gut drauf zu sein. Keltner ist mittendrin, aber nie dabei, er ist befreundet mit den Musikern, gleichzeitig aber deren Dienstleister, er liebt die Musik, hasst sich aber dafür, keine machen zu können, die gegen die der anderen besteht.
Wenigstens aber darf er in der Nähe sein, während Robertson, Rick Danko, Levon Helm, Richard Manuel und Garth Hudson in dem großen, rosafarbenen Haus an Songs wie "The Weight" werkeln, die später Klassiker werden sollen. Dabei ist er auch, wenn die Partys steigen, bei denen Bob Dylan immer steif hereinspaziert kommt und später wieder geht, ohne ein Wort gesagt zu haben. Eine Legende schon damals, vor der alle erstarren, abgesehen von Manager Albert Grossmann, der den Dealer immer wieder aus dem Haus weisen lässt, weil er üble Schlagzeilen für seine Jungs befürchtet.
Die nämlich sind immer auf Droge, egal ob im Studio oder beim proben. Die große Kunst verdankt sich lauter kleinen chemischen Helferlein, der Spaß kommt aus dem Spliff, Inspiration wird - wenigstens von einem Teil der Band-Musiker - einfach injiziert.
Dann wird Keltner mit einem Auto voller Drogen erwischt und landet im Gefängnis. Als er wieder auf freien Fuß kommt, erwartet ihn eine Welt, die ganz anders ist als die, die er verlassen hat. Aus den Musikerfreunden sind Drogenwracks und Kontrollfreaks geworden, aus den Idealen der Hippiebewegung haben Männer wie Grossmann ein Geschäft gemacht. Greg Keltner bleibt nur noch, die Toten zu zählen, die auf dem Weg geblieben sind, und den Chancen hinterherzutrauern, die in der Luft gelegen haben. Als Musik dazu taugt "Music from Big Pink" immer noch - inzwischen gibt es das Album auf 20 Titel aufgeblasen zum halben Preis des Buches.