Anhaltisches Theater: Premierenpublikum feiert Dessauer «Götterdämmerung»

13.05.2012 20:09 Uhr | Aktualisiert 13.05.2012 21:18 Uhr
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Siegried und Brünnhilde

Szene mit Arnold Bezuyen (Siegried) und Iordanka Derliova (Brünnhilde). (FOTO: JAN FÜHR)

Von joachim lange
Die Götterdämmerung ist schon von der puren Länge her das gewaltigstes Einzelstück aus Richard Wagners Ring-Vierteiler. Doch in dem Fünfstünder sind viele der Ring-Messen längst gesungen.
dessau-rosslau/MZ. 

Es wird nur in ausführlichen Rückblenden daran erinnert, dass es da einen schweren Fall von Goldraub gab. Mit weitreichenden Folgen und etlichen Toten. Denn mit dem Ring, den sich Alberich aus seiner Beute schmiedet, bekam das Unheil in der Welt sein Symbol.

Wotan geht fremd

Selbst Wotan, der eigentlich für die Ordnung der Welt zuständig ist, wurde als er vom Ring hörte, zum Dieb. Außerdem geht er fremd, was das Zeug hält, versucht, den Inzest seiner außerehelich gezeugten Zwillinge zu decken, und verhilft obendrein noch deren Sprössling Siegfried zu einer Liebschaft mit der eigenen Tochter Brünnhilde.

Dass er damit zugleich versucht, die in den Dreck gefahrene Kiste Welt wieder flott zu machen und den eigenen Untergang in Kauf nimmt - das alles gehört zur Vorgeschichte. Da läuft Siegfried "nur" noch bei den Gibichungen in Hagens tödliche Intrigenfalle.

Was Wagner auf seine vertrackt großartige Weise seinem 19. Jahrhundert, also auch dem aufkommenden Kapitalismus abgelauscht hat, zu entwickeln und neu zu befragen, macht den Reiz der Ringtetralogie aus. Wenn man, aus welchen guten Gründen auch immer, den Ring vom Ende her beginnt, fehlt natürlich die Vorgeschichte. Und das ist ein Problem. Aber sei's drum. Für die Wagnerfans in Sachsen-Anhalt hat das den Vorzug, dass man dem "Siegfried" in Halle eine gänzlich andere "Götterdämmerung" folgen lassen kann.

André Bückers Ring-Ansatz zielt ohnehin nicht auf die offenkundige (vor allem von Joachim Herz in Leipzig und dann von Patrice Chereau in Bayreuth in den siebziger Jahren beispielhaft ausgelotete) Korrespondenz zur Gesellschaft, in der das Werk entstand, oder auch zu der, in der er inszeniert wird. Er nimmt die "Götterdämmerung" für sich, als den ästhetischen Kosmos eigenen Rechts.

Dabei macht er aus dem vermarktungscleveren Zusatz zum Titel des Projektes " … in der Bauhausstadt Dessau" ein ästhetisches Prinzip. Und das mit einer erstaunlichen Konsequenz und einem ausgeprägten Formwillen. Dabei nimmt er in Kauf, dass die Form (zu) oft über den Inhalt, ja sogar über die Musik triumphiert. Vor allem die permanent flimmernden Projektionen (von Frank Vetter und Michael Ott) auf dem weiß verkleideten Bühnenportal nerven schnell. Mag sein, dass das die rampennahe Statik der Personenplatzierung ausgleichen sollte.

Im Ganzen gelingt freilich eine faszinierende Kunstanstrengung. Denn die von den Farb-, Form- und Theateransätzen der Bauhäusler oder von Robert Wilsons ritualisierter Bewegungsdramaturgie und Lichtmagie inspirierte Ästhetik trägt szenisch vor allem deshalb, weil Jan Steigert eine großartige Raumlösung gelungen ist. Der Walkürenfelsen ist ein schwarz glänzender Riesenquader, dessen 14 Schichten so beweglich sind, dass sie sich mit scheinbarer Leichtigkeit zu einem abstrakt stufigen Felsen auffächern lassen.

Meisterwerk der Bühnentechnik

Als Gibichungen-Halle fungieren drei riesige Turmkonstrukte, in denen man sich ebenso wie auf dem umgebenden Plateau wie von Fahrstuhl-Zauberhand auf und ab bewegen kann. Zusammen mit den beweglichen Teilhorizonten, die als Projektions-Leinwände im Dauereinsatz sind, ist da ein Meisterwerk der Bühnentechnik zu bestaunen, das obendrein wie geschmiert funktioniert.

Suse Tobischs Kostüme fügen sich in ihrer bunten Abstraktion als eigenständige Kunstwerke ein. Mal mehr - wie bei Brünnhilde oder den blau berockten, mit Neon-Leuchtspeeren bewaffneten Mannen. Mal weniger - wie ausgerechnet beim Siegfried. Der sieht schon seltsam antiheldisch, wie ein missglücktes Playmobil-Männchen aus, dem der Regisseur obendrein eine Art Stechschritt verordnet hat, mit dem der Ärmste wie der Storch im Ringsalat herumstapfen muss.

Es lacht trotzdem keiner. Die Konsequenz schützt ihn. Und natürlich der fast bis zum Schluss tadellose, exzellent wortverständliche Gesang, mit dem Arnold Bezuyen seinen ersten Siegfried meistert! Wie Halle kann auch Dessau mit dem Superhelden glänzen. Stephan Klemm ist wenn auch kein übermäßig diabolischer, aber doch ein hochsouveräner Hagen. Ulf Paulsen fügt seinem Gunther eine Extraportion Spiel hinzu. Angelina Ruzzafante leidet besonders überzeugend als betrogene Gutrune. Nico Wouterse ist der immer noch ehrgeizig mitspielende, seinen Sohn Hagen manipulierende Alberich. Ein Kabinettstück von Wagnergesang lieferte Rita Kapfhammer mit ihrer Waltrauden-Erzählung (aber auch als erste Norne und Flosshilde). Anne Weinkauf und Cornelia Marschall komplettierten das orakelnde Trio der Nornen und der Rheintöchter.

Bleibt die hauseigene Brünnhilde: Iordanka Derilova. Die läuft nach kleinen Anlaufproblemen ab dem zweiten Akt zu erstklassiger Form auf. Mit einer unglaublichen, vibratoreichen Durchschlagskraft, doch stets ohne zu brüllen und mit mustergültiger Artikulation! Und während die Musik das Ende der Götter zelebriert, kommt ein kleiner Jung-Siegfried vor den Vorhang. Was wohl "Alles auf Anfang" heißen soll. Seinen Jubel für die Protagonisten und die von Helmut Sonne einstudierten Chöre steigerte das Premierenpublikum noch einmal bei Antony Hermus und der Anhaltischen Philharmonie.

Dem Generalmusikdirektor und Ring-Neuling ist es wirklich auf Anhieb gelungen, die Geister der langen Wagner-Tradition im Bayreuth des Nordens für seinen Ring-Auftakt zu erwecken. Dafür gab es am Samstagabend ganz zu Recht stehende Ovationen.

Nächste Aufführung am Sonntag um 16 Uhr im Großen Haus