Frontmann Michael Stipe ist Anton Corbijns liebstes R.E.M.-Motiv. (FOTO: ANTON CORBIJN)
Glatzköpfig mit nacktem Oberkörper und ausgebreiteten, leicht angewinkelten Armen steht er da, vielmehr - schwingt er. Als hätte Michael Stipe eine Melodie im Ohr, wiegt er seinen Körper im Takt hin und her.
Wie ein Faun sieht der R.E.M.-Frontmann auf der Schwarz-Weiß-Fotografie "Trevi" (1994) von Anton Corbijn aus. Ein Mischwesen aus der römischen Mythologie, ein Wald- und Feldgeist, der sich verirrt hat in den Gassen Roms, und vor dem berühmten Trevi-Brunnen einfach angefangen hat zu tanzen. Es sind Aufnahmen wie diese des niederländischen Star-Fotografen und Regisseurs Corbijn, die sich langsam aber endgültig ins Gedächtnis des Betrachters graben.
Obwohl seine Motive spektakulär sind - wie in diesem Fall die Gruppe R.E.M. oder andere Größen der Pop-Kultur wie die Band U2, Depeche Mode, Joy Division oder der Sänger Herbert Grönemeyer - seine Fotos sind es nicht. Sie brüllen nicht, sie flüstern. Raunen dem Betrachter Geschichten zu.
Melancholisch, ruhig und nachdenklich fällt daher auch der Großteil der rund 40 gezeigten Porträtaufnahmen der Ausstellung "Anton Corbijn. R.E.M. Seen between 1990-2010" in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden aus. Die Exposition dreht sich um Leben und Wirken der amerikanischen Rockband R.E.M.
Der Fotograf traf die Musiker erstmalig bei einem Auftrag für ein Magazin im Dezember 1990. Seitdem fotografierte er die Band mit einigen Unterbrechungen in den folgenden zwanzig Jahren. Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl der Aufnahmen - vom Coverbild für die Single "Losing my Religion" bis zu den Fotos, die für das Album der Band "Collapse into Now" aus dem Jahr 2010 in Nashville aufgenommen wurden. Es sollte ihr letztes Album sein. Denn vergangenes Jahr löste sich R.E.M. auf. Ohne Streitigkeiten, wie die Bandmitglieder auf ihrer Webseite beteuerten. Das Ende war ein Schock für die Fans. Noch bis Juni haben sie die Möglichkeit, sich von ihren Idolen in Ruhe zu verabschieden. Vor allem von dem Mann, der der legendären Gruppe ihr Gesicht gab - Michael Stipe. Er war der Kopf der Band und ist das Herz der Schau.
Man sieht Michael unter Wasser, auf der Bühne, in Los Angeles - und beim Frühstück. Immer in dem Bewusstsein, dass es sich nicht um Momentaufnahmen handelt, sondern um wohlbedachte Inszenierungen. Die trotz ihrer Künstlichkeit und Stilisiertheit immer die Nähe des Porträtierten zum Fotografen spüren lassen. Die Aufnahmen des 56-Jährigen Aufnahmen sind intime Zeugnisse einer Verbindung zwischen Corbijn und der Band, zwischen Corbijn und Stipe. Und nicht zuletzt zwischen Corbijn und der Musik.
Die Blicke der Protagonisten von Corbijns Bildern richten sich auf uns, die Betrachter, meinen aber häufig ihn, den Fotografen. Er macht uns zu Zeugen der Geschichte, von Augenblicken, die im Moments des Drückens des Aulöseknopfs der Kamera unwiederbringlich vorbei waren. Stipe sagte über Corbijn: "In Zeiten, in denen Kultur und Kunst ständig im Umbruch sind, hat Anton es geschafft, sich als größter Porträtist dieser existentiellen Gemeinschaft zu etablieren. Seine Fotografien sind das Zeugnis eines aufregenden Kapitels unserer kollektiven jüngeren Vergangenheit."
Neben den ausgestellten Fotos wartet die Ausstellung zudem mit kurzen, äußerst interessanten Videofilmen auf, die sich der Besucher in einem abgedunkelten Vorführraum anschauen kann - und unbedingt sollte. Denn die gezeigten Kurzfilme sind allesamt Teil des Projekts "Collapse into Now", das Michael Stipe selbst kuratiert hat und neben dem gleichnamigen, letzten R.E.M.-Album entstand.
Zwölf Kurzfilme zu zwölf Songs. Stipe konnte namhafte Schauspieler und Regisseure wie den Oscar-nominierten US-Schauspieler James Franco, die französische Künstlerin Sophie Calle und Dokumentarfilmer Albert Maysles gewinnen. Francos Film "Blue" beispielsweise ist eine zweifelhafte Hommage an die (Alb)-Traumstadt Los Angeles. Besonders bewegend: Kirsten Dunsts Gesicht in "We all go back where we belong". Bloß, verletzlich, wunderschön. Es hätte Anton Corbijn gefallen.
"Anton Corbijn. R.E.M. Seen between 1990 - 2010" ist noch bis 10. Juni in der Galerie Neue Meister in Dresden zu sehen. Täglich von 10 bis 18 Uhr geöfnet, montags geschlosssen.