Vougar Aslanov (FOTO: BERNHARD SPRING)
Der Schriftsteller, der seit 1998 in Deutschland lebt, redet sich schnell in Rage, wenn das Gespräch auf Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat kommt.
"Natürlich gibt es Probleme in Aserbaidschan", räumt der Endvierziger ein, aber angesichts von einer Million Flüchtlingen im Land sei Bergkarabach eben das schwerwiegendere Problem. Pressefreiheit, wie sie die Opposition fordert, sei dagegen nicht so wichtig, überhaupt: "Man kann schreiben, was man will, aber eben nicht bei jeder Zeitung", erklärt Aslanov.
Und was ist mit den Zwangsumsiedlungen in Baku, mit denen Platz für die extra zum Eurovision Song Contest errichtete Kristallhalle geschaffen wurde? "Vertreibungen gibt es nicht, das können Sie mir glauben", versichert Aslanov. "Baku wird nach großartigen Plänen umgebaut und da müssen einige alte Häuser in der Innenstadt eben weichen. Den Bewohnern dort werden neue Wohnungen oder Entschädigungssummen angeboten." Nein, Bergkarabach und die russische Unterstützung Armeniens bei der Besetzung dieser Region sind für Aslanov die brennenderen Themen - was nicht überrascht, stammt der Autor doch aus der Kleinstadt Goranboy, die unmittelbar an Bergkarabach grenzt. Dort, in den südlichen Ausläufern des Kaukasus, wuchs Aslanov auf. Das Elternhaus war ultrakommunistisch, das soziale Umfeld stalinistisch geprägt. In der Schule lernte er die deutsche Sprache und wurde mit der westlichen Kultur vertraut. Goethes "Leiden des jungen Werther" und Schillers "Räuber" hätten ihn vom Kommunismus abgebracht und den Wunsch geweckt, Schriftsteller zu werden.
Im Alter von 17 Jahren begann er in Baku ein Literaturstudium, arbeitete später als Journalist und gründete eine Nachrichtenagentur. In dieser Zeit wurde er auch schriftstellerisch aktiv und schrieb über allgemeine Missstände, die bis zum Zerfall der Sowjetunion gern verschwiegen wurden.
In dem auch ins Deutsche übersetzten Erzählband "Auf den Baumwollfeldern" etwa wird die Zwangsrekrutierung von Schülern und Studenten als Erntehelfer und der schonungslose Einsatz von Pestiziden aufgegriffen. Der Roman "Die verspätete Kolonne" hingegen berichtet von dem sowjetischen Afghanistankrieg und den brutalen Ritualen unter den meist jugendlichen Soldaten.
Aserbaidschan, das ist das Land des Öls, das von einem zweifelhaften Präsidenten autoritär regiert und religiös vom benachbarten Iran unterwandert wird. Ein postsozialistischer, pseudodemokratischer Staat in Zentralasien, der überraschenderweise (wie der Eurovision Song Contest deutlich macht) doch noch zu Europa gehört. Um diese Wahrnehmung zu stärken, kam Aslanov nach Deutschland, wo er an der Universität in Mainz lehrt, in Zeitungen publiziert und einen aserbaidschanischen Verlag vertritt. "Aserbaidschan ist ein reiches und sehr gastfreundliches Kulturland", sagt er. "Es ist das Land der Dichter, des Schaschliks und natürlich des schwarzen Kaviars."
Aslanovs Aserbaidschan gehört geografisch zu Europa, kulturell aber eher zum Nachbarn Iran. Der schiitische Islam, der immer noch lebendige Feuerkult um Zarathustra und die Bezüge zur alten persischen Literatur verbinden beide Länder, auch wenn westliche und besonders deutsche Einflüsse die moderne Kultur Aserbaidschans nachhaltig geprägt haben. "Die aserbaidschanische Prosa hätte ohne die deutschen Klassiker, die Theaterliteratur ohne Goethe nicht zu ihrer heutigen Form gefunden", ist sich Aslanov sicher.
Er plaudert lieber noch ein bisschen über Schiller, als über den unbequemen Schriftsteller Rafiq Ta? zu reden, der im vergangenen Jahr nach dem Mordaufruf eines iranischen Ayatollahs in Baku getötet wurde. An die Schattenseiten seiner Heimat, so scheint es, möchte Aslanov nur ungern erinnert werden.