Ausstellung: Messer im Rücken

04.07.2012 19:33 Uhr | Aktualisiert 04.07.2012 19:52 Uhr
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Birgit Brenners Arbeit «Atmen reicht nicht»

Birgit Brenners Arbeit «Atmen reicht nicht» aus der Installation «Alles in Zeitlupe» (FOTO: UWE WALTER)

Von andreas montag
Die Städtischen Kunstsammlungen Jena zeigen die verstörende Installation "Alles in Zeitlupe" von Birgit Brenner.
jena/MZ. 

Eine Ausstellung wie keine andere. Ein Film, den jeder kennt und der in keinem Kino läuft. Ein lakonischer Reigen von Tragödien, aus denen sich zusammensetzt, was Alltag heißt. Konkret und poetisch. Zum Heulen traurig, zum Lachen vertraut. Alles das kann man über Birgit Brenners Installation "Alles in Zeitlupe" sagen, die in den Städtischen Kunstsammlungen Jena gezeigt wird. Ein Erlebnis mit Langzeitwirkung.

Dabei ist der erste Eindruck durchaus spröde, was vor allem an den Materialien liegt, die die 1964 geborene Brenner für ihre plastischen Collagen verwendet: Sperrholz, Pappe, Fotoausschnitte. Die Künstlerin, die in Berlin und Stuttgart arbeitet und lebt, geht zurückhaltend mit ihren Geschichten um, womit sie den Charakteren und den Lebensumständen ihrer imaginären Protagonisten allerdings nur gerecht wird.

Nie erfährt man wirklich, ob deren fragmentarisch aufblitzende Schicksale dokumentarisch oder fiktiv sind - und man muss das auch nicht wissen, um der schockierenden Wirkung teilhaftig zu werden. "Komm. Zurück." ist über zwei großen, aus Pappscheiben geschichteten Brüsten zu lesen. "Und überhaupt", ist ein anderes Objekt aus der Installation überschrieben, ein halbentblößter Frauenkörper ist zu sehen, mehr angedeutet als ausgeführt, daneben Fotos von einem tristen, verwahrlost wirkenden Eigenheim und einem Mann, dessen Kopf durch ein anderes Foto verdeckt ist.

Rote Flecken sind auf dem Körper der Frau zu sehen, die Farbe verläuft nach unten wie Blut. Daneben der knappe Dialog: "F: Mehr habe ich nicht. M: Mach wenigstens die Bluse auf." Und dann der Ereignisbericht: "Er spürte ihren Herzschlag. Da schoss er."

Immer geht es um Grenzbereiche des Menschlichen in diesen Arbeiten, immer taumeln die Figuren am Rand eines katastrophalen Abgrunds. Über einer Konstruktion aus einander überlagernden Papp-Silhouetten steht geschrieben: "Sie nimmt das Messer und wirft es Richtung Küchentür. Es trifft ihn am Rücken und bleibt stecken." Und dazwischen steht der nüchterne Satz: "Kurz vorher schlief sie noch mit ihm."

Den Hintergrund der Arbeiten erschließen Texte, die von Menschen in einem Haus erzählen, "Goethestr. 11, Sommertag, heiß, kurz vor 23 Uhr" ist der Tatort beschrieben, dann öffnet Brenner den Blick in die Wohnungen: "Vertrocknete Blumen und Gerümpel auf dem Balkon. Der Fernseher wird gern dorthin gebracht. Im Hintergrund sehen wir die Deutschlandfahne", heißt es über das "EG links".

Nicht mehr als das Nötigste teilt Brenner mit, ihr Blick ist scharf, aber nicht mitleidlos. Wie in einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway wird die Szene beschrieben: "Freunde sind da. Es wird laut gelacht und viel getrunken. Es gibt oft Probleme deswegen. Na und. Er lebte hier schon mit seiner Mutter und die Miete bezahlt der Staat." Es ist alles gesagt über den Mann, der hier lebt, man kann ihn sehen, fühlen, riechen. Und hören natürlich.

Grausam die kalte Ansprache des Mannes aus dem "2. OG rechts": "Kann man dich unten nicht enger machen? Ich spüre dabei nichts mehr, darum, gibt er sich selbst als Antwort. Sitzend im Sessel. Dazu ein hartes Lachen. Sie erstarrt. Die Figur zu dick, die Brüste nicht mehr straff, der Haushalt unordentlich ... Ihr Leben ähnelte schon lange nicht mehr dem Leben, von dem sie als Mädchen träumte und doch wird sie ihr Leben mit ihm verbringen..."

Das Kontrastprogramm gibt es im Dachgeschoss, wo ein junges Paar lebt: "Sie liebt alles, was glitzert und er kauft es ihr. Geld für zwei Autos und Koks. Ibiza und Sylt. Die Körper vom Fitness-Studio gestrafft." Und später der böse Satz: "Noch ahnen sie nicht, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt."

Vom Absturz ist hier die Rede, vom Unglück nach einem Glück, für das ihre Seelen nicht gebraucht wurden. Ein Horrortrip in die Wirklichkeit, nicht weniger ist diese von Erik Stephan kuratierte, verstörende Schau.

"Atmen reicht nicht" ist eine der Arbeiten benannt. Die Figur im Mittelpunkt, aus einer Fotografie geschnitten, hält die Hände zufrieden im Schoß gefaltet. Und sie hat keinen Kopf.

Birgit Brenner: "Alles in Zeitlupe. Installation", Kunstsammlungen Jena, Markt 7, bis zum 12. August, Di, Mi, Fr 10-17, Do 15-22, Sa u. So. 11-18 Uhr, Eintritt vier Euro, drei Euro (Senioren) und 2,50 Euro (erm.)