Axel Springer: Der Schöpfer, dem sein Werk zur Last wurde

29.04.2012 12:23 Uhr | Aktualisiert 29.04.2012 18:59 Uhr
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Alfred Neven DuMont würdigt  Axel Springer. ...

Der Verleger Axel Springer im Jahr 1966 in Berlin auf dem Kurfürstendamm vor der Gedächtniskirche. (FOTO: IMAGO)

Von Alfred Neven Dumont
Axel Springer begann mit der Nähe zum Leser, baute das größte Zeitungshaus Deutschlands auf und wurde zum Getriebenen. Alfred Neven DuMont über den Verleger, der am 2. Mai 100 Jahre alt geworden wäre.
Köln/MZ. 

Im Frühherbst 1951 suchte ich das Büro von Herrn Karl Andreas Voss im Hofgebäude hinter der Volksfürsorge an der Binnenalster in Hamburg auf, wo das aufstrebende Zeitungsunternehmen seine erste Heimat gefunden hatte. Durch die Empfehlung meines Vaters saß ich dem alten Herrn gegenüber, der für den jungen Verleger Axel Springer den Verlag aufbaute. Ein kurzes Telefonat meines Gegenübers und jemand betrat hinter mir den Raum. Ich drehte mich herum und wechselte pflichtgemäß mit einem gut aussehenden Mann, von dem ich wenig wusste, den Handgruß. Aber dann fiel etwas anderes ins Auge: Der Herr, der hochaufgerichtet nun neben mir stand, trug ein hellbeiges, elegantes Sakko, das er offenbar beim selben Schneider in London bestellt hatte wie ich. Ein Augenblick der Irritation: die erste Begegnung des damals 39-jährigen Axel Springer mit mir, der ich gerade mal 24 Jahre zählte. Und ich war zur Stunde als Hospitant in der Redaktion des „Hamburger Abendblattes“, der sicher in dieser Zeit modernsten regionalen Tageszeitung in Deutschland, angestellt.

Die Redaktion zeigte sich im Vergleich zu heutigen Verhältnissen klein, schnell überschaubar. Der umtriebige Verleger, ein echter Menschenfänger, hatte in kurzer Zeit eine Reihe profilierter Journalisten um sich geschart, von denen eine Reihe wie Christian Kracht, Peter Tamm und Wolfgang Menge noch eine große Karriere vor sich haben sollten. Alle vierzehn Tage war die ganze Truppe mittags, wenn die redaktionellen Seiten in der Mettage abgeliefert waren, beim Verleger geladen. Dort hatte ich für ein, zwei Stunden Zeit, den immer noch jungen Axel Springer, der noch nicht Cäsar hieß, kennenzulernen. Er belehrte uns weitschweifig über das Detail des Satzspiegels der Zeitung, die Wahl und die Gestaltung des Aufmachers, Bildunterschriften, Bildschnitte: Jede Einzelheit beschäftigte ihn. Aber vor allem der Mensch! Im Mittelpunkt stand für ihn in diesen grauen Nachkriegsjahren nicht die Politik, sondern der Mensch: Über Einzelpersonen sollte berichtet werden, das Blatt auf die Nöte des Lesers zugeschnitten werden. Der Hausslogan „Seid nett zueinander“ war geboren.

Man darf Axel Springer ohne Abstriche als den Erfinder des Interesses am Leser, am Bürger innerhalb der deutschen Zeitungswelt bezeichnen: kein Verkündigungsjournalismus, kein auf Nachrichten beschränktes Blatt der früheren Zeiten mehr. Und darüber hinaus sollte die Zeitung unterhaltend sein. Hier nahm die Entwicklung eines Imperiums ihren Lauf.

Die noch überschaubare Welt des Axel Springer war das „Hamburger Abendblatt“, geboren 1948, das Radio-Magazin „Hör Zu“ war zwei Jahre früher auf dem Markt und bald darauf „Kristall“, eine Illustrierte für Unterhaltung und Wissen. Jedes ein handverlesenes Geschöpf des Verlegers.

Der große Wurf trat im Sommer 1952 an die Öffentlichkeit, als ich das Haus an der Alster schon verlassen hatte: Die „Bild“-Zeitung. Damals noch eine Anreihung von Bild an Bild, eine Gründung, die später das Wohl und das Wehe des Verlagshauses bestimmen sollte. Aber der Aufstieg entwickelte sich kometenhaft, atemberaubend und ohne Beispiel: Noch im Herbst 1953 konnte Axel Springer die überregionale „Welt“ von der englischen Besatzungsmacht erwerben, in der zweiten Hälfte des Jahres kam ein zweiter, noch größerer Wurf hinzu: der Ankauf des Berliner Ullstein Verlages mit der traditionellen „Morgenpost“ in Berlin und der „BZ“. Bei der Übernahmeschlacht hinter den Kulissen hatte sich der weltmännische und durch und durch wendige Verleger aus Hamburg anderen Anbietern gegenüber durchzusetzen vermocht. So paarte sich eine große menschliche Begabung mit der Fortune der Nachkriegsjahre zugunsten des nun allseits bewunderten und auch beneideten Verlegerkollegen. Die neuen ausufernden Verlagszentren in Hamburg und später in Berlin wurden weit sichtbare Zeugen der neu erworbenen Macht.

So stand Axel Cäsar Springer mit knapp fünfzig Jahren bereits im Zenit, mehr als vermögend, einflussreich. Glücklich? Die These, dass der Verleger damals die glücklichste Zeit seines Lebens, die Pionierjahre, hinter sich gebracht hatte, ist erlaubt. Die Periode, wo er den Lauf der Dinge noch fest in der Hand hielt, ging zu Ende. Auch für das flotte Leben des verführerischen Charmeurs war nunmehr kaum Platz vorhanden. Die ersten Dämpfer wurden für viele sichtbar. Die ursprünglich als liberal entwickelte Zeitung „Welt“ verlor ihre besten redaktionellen Köpfe: Conrad Ahlers, Gert von Paczensky und Erich Kuby. Später sollten Sebastian Haffner, Paul Sethe und Kurt Becker folgen. Die Zeitung segelte jetzt unter rechter Flagge und verlor Gesicht und viel Geld.

Aber es kam schlimmer: die erste Reise in die große Politik, bislang eine fremde Welt für Axel Springer, jetzt ein Berliner, dem das kleine Hamburg zu eng geworden war. Er litt in Berlin in einer Silvesternacht so sehr unter der deutschen Teilung, dass er zu Tränen gerührt gewesen sein soll, so sehr bewegte ihn das deutsche Schicksal.

Springer, der Sieger, der Große, wollte, konnte das nicht akzeptieren. Er reiste bald danach nach Moskau um dem damaligen Machthaber Chruschtschow die Wiedervereinigung abzuringen. Aber welche Demütigung musste der Mann, der nur noch an offene Türen gewohnt war, erleiden! Tagelanges Antichambrieren und dann die herbe Absage des Kreml-Fürsten. Diese offensichtliche Niederlage vor dem Auge der Nation war kaum zu verkraften. Es veränderte sich etwas in ihm.

Aber der große Eklat kam erst zehn Jahre später, als der Schrei „Enteignet Springer“ lauthals in der immer noch jungen Republik erschallte. Wie weit hatte er sich in den zwanzig Jahren von dem Leser, dem Bürger entfernt! Offensichtlich musste ihm die Entwicklung des Landes entgangen sein: die Beziehung des sich langsam entwickelnden Feindverhältnisses, Hassbeziehung zwischen den aufkeimenden und immer mehr zu einem Strom heranwachsenden Studentenbewegungen und den Machthabern in den späten sechziger Jahren, für die Springer mit seinen Zeitungen mehr und mehr ein Symbol geworden war. Hier der mächtige Zeitungszar, dessen Organ, vor allem dessen „Bild“, auf der einen Seite stand, und auf der anderen die Studenten, die mit vielen Bürgern gegen den Mief der späten Adenauer- und Erhard-Zeit, gegen Nazi-Restbestände und gegen die Väter-Generation aufbegehrten. Der Vietnamkrieg, der Besuch des Schah von Persien, dessen Geheimdienste Demonstranten in Berlin niederknüppelten, waren Zeichen dafür. Benno Ohnesorg wurde von einem eifrigen Polizisten erschossen. Deutschland kochte. Und Springers Organe, einmal festgelegt auf die Staatsräson, droschen auf die Repräsentanten der Studentenbewegung ein. Von langhaarigen Affen war die Rede, von Krawallköpfen, von Ausmerzen von Unruhestiftern und vielem anderem mehr. Rudi Dutschke, das Symbol der Freiheitsbewegung der Jugend, als Politgammler bezeichnet und dem schließlich auf der Straße gleich zweimal in den Kopf geschossen wurde. Alle Druckstandorte der „Bild“-Zeitung wurden von Tausenden und Abertausenden von Studenten belagert, um die Auslieferung der Zeitung zu blockieren. Schließlich der Karfreitag 1968, der Marsch auf das Springer-Hochhaus in Berlin! Der Verleger flieht in die Schweiz.

Von diesem Debakel hat sich Axel Springer, der Gefühlsmensch, nie ganz erholen können. In weiteren Jahren, als sich die politische Situation auch in Berlin weitgehend beruhigte, blieb der große Verleger ein Gefährdeter. Das Schlendern über den Ku’damm war ihm versagt: ein Medienzar nach wie vor, aber im goldenen Käfig. Ich hatte ihn in den Jahren immer wieder erlebt, auch kam es einmal vor einem weiten Kreis von Verlegerkollegen zu heftigen Attacken von Axel Springer gegen mich wegen so empfundener Wettbewerbsübertretungen, lautstark und hoch erregt. Aber als ich, der ich mich zuvor von ihm politisch weit entfernt hatte, trotzdem auf seinen Wunsch hin in einem Sommer Mitte der 70er Jahre in seine damalige Villa in Dahlem, die wie eine Festung umgebaut war, eingeladen wurde, war Springer ein anderer geworden: gereifter, besonnener, freundlicher, kollegial.

Ich blieb mit ihm in diesem einsamen Haus über viele Stunden. Ein verschmutztes Auto hatte mich abgeholt und fuhr mich auf Umwegen wieder zurück in mein Hotel. Bei der Verabschiedung in der Abenddämmerung lugte mein Gastgeber für einen Augenblick verstohlen auf die Straße. Aber am nächsten Morgen, im Hochhaus, im größeren Kreis war er ein veränderter Mann, geschäftig, pflichteifrig. Aber war es mehr als das, was ihn bewegte? Die Flamme der jungen Jahre schien erloschen.

Schon früher bereiste Axel Springer Israel. Es entstand zwischen ihm, der es in der Nazi-Zeit verstanden hatte, jede Nähe mit dem Regime zu meiden, und dem Land eine enge Freundschaft: eine wichtige Phase seines Lebens. Ein Engagement, das ich bis heute mit ihm teile.

Dann folgten schwerste Schicksalsschläge. Der Freitod seines Sohnes Sven Springer im Jahre 1980: ein begabter, ein engagierter Fotograf, der nach mehr strebte, sich aber von seinem großen Vater nicht unterstützt sah. Springer, zutiefst betroffen über den Tod und das Versäumte, wandte sich den beiden Enkelkindern zu, von denen der Junge in seinem Schweizer Internat später entführt werden sollte.

Das große, nun ungeheuerlich angewachsene Werk, das er sich geschaffen hatte, schien dem alternden Gründer, dem Vater des Unternehmens, eine übergroße, bedrückende Last zu werden. Es zeichnete sich die Tragödie ab. Es ist aus diesen Zeiten überliefert, dass er sich selbst als einen leidenden Hund bezeichnete, wenn er Entgleisungen, insbesondere in der „Bild“-Zeitung, am nächsten Morgen vorfand. So verhandelte er, oder ließ verhandeln, mit Bertelsmann, zuvor mit dem Burda Verlag, dessen Söhne er schon als seine Nachfolger sah, und anderen.

Ich besuchte ihn für einen langen Tag wieder auf seinen Wunsch hin in seiner neu geschaffenen Idylle am Schierensee, nördlich von Hamburg. Es gab endlose, besinnliche Gespräche. Die Zeitungen, das Imperium, schienen sich für den nun Siebzigjährigen weit entfernt zu haben. Eine noch junge Friede an seiner Seite hielt sich bescheiden im Hintergrund, und Peter Tamm, damals mein Stellvertreter im Präsidium des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, ebenfalls wortkarg an diesem Tag, er, der Alleinvorstand des Hauses, sein Majordomus, sah ihn in diesem Sommer zum ersten Mal im Jahr: Wohl ein Kuriosum. Das war wenige Jahre vor dem Tod des Verlegers.

Auf einem Segeltörn in den 70er Jahren durch die Ägäis lernte Axel Springer Patmos kennen, die Insel, wo Johannes, der Jünger, seine „Offenbarung“ einstmals niederschrieb: Ein geschichts- und legendenträchtiger Ort! Ein Zufall? Wohl nicht. Wie alles, was ihm geschah. Er floh immer öfter in das Haus auf der begnadeten Insel, wo er wie einige andere mit Sicherheit innere Ruhe und Frieden fand. Sein letzter Besuch im Sommer 1985, kurz vor seinem Tod.

Wir trafen uns alle, die ihm nahestanden, in der Gedächtniskirche, hörten die bewegenden Worte von Peter Tamm, lauschten andächtig dem Adagio von Albioni und sannen über das Vermächtnis des Verstorbenen nach: ein großer und tragischer Mann, der mit der deutschen Geschichte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Freud und Schmerz innig verbunden war. Den 9. November 1989, den Fall der Mauer, hat er nicht mehr erleben dürfen. War nicht sein Motto schon seit langem: „Macht das Tor auf?!“ Und sein Erbe?