Bauhaus: Riesen-Kinderstuhl wird enthüllt

21.05.2012 09:05 Uhr | Aktualisiert 21.05.2012 21:35 Uhr
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Kinderstuhl «ti 3a»

Der Kinderstuhl «ti 3a», den Bauhausmeister Marcel Breuer (1902-1981) im Jahr 1923 entwarf, wird als zehnfach vergrößerte Kopie im Rathaus-Center in Dessau gezeigt. (FOTO: BAUHAUS)

Von Annette gens
Der berühmte Designer und Architekt Marcel Breuer (1902-1981) wäre am Montag 110 Jahre alt geworden. Vor einer großen Ausstellung am Bauhaus wird am Vormittag im Rathauscenter Dessau ein überdimensionaler Kinderstuhl enthüllt.
Dessau/MZ. 

Frei nach dem Motto „Vier Mann, vier Ecken“ müsste das doch zu schaffen sein! Doch ein so riesiges Fahnentuch konnten Regina Bittner, Wolfgang Thöner (beide Stiftung Bauhaus Dessau), Michael Kaufmann (Kurt-Weill-Gesellschaft) und Stephan Thiel (Rathauscenter) beim besten Willen nicht ohne weitere Hilfe bändigen. Es dauerte, bis das Quartett am Montagvormittag einen ungewöhnlichen und überdimensionalen Stuhl im Center enthüllen konnte. Es ist ein Kinderstuhl mit dem unspektakulären Namen „ti 3a“, einem fast 90 Jahre alten Möbelvorbild. Gesponsert von den Rauch Möbelwerken (Freudenberg), gefertigt in der dortigen Lehrwerkstatt für Werbezwecke.

Mit dem vergrößerten Nachbau jenes Kinderstuhls, der 1923 vom Bauhäusler Marcel Breuer entworfen worden war, macht das Dessauer Rathauscenter seit Montag auf eine bevorstehende Ausstellung im Bauhaus aufmerksam. In neun Tagen, am 31. Mai , eröffnet dort eine Exposition, die dem Schaffen des Bauhäuslers und gebürtigen Ungarn Marcel Breuer (1902-1981) gewidmet ist. Breuer begann 1920 als damals 18-Jähriger zunächst ein Studium an der Akademie der Künste in Wien, das er nach wenigen Wochen abbrach, um eine Tischlerlehre in den Möbelwerkstätten des Weimarer Bauhauses zu beginnen. Vier Jahre später beendete er seine Lehre. 1925 wurde er zum Jungmeister und Leiter der Möbelwerkstatt am Bauhaus Dessau ernannt, von wo aus er 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft erst in seine Heimat nach Ungarn und zwei Jahre später nach England emigriert war.

Im selben Jahr, als er seine Arbeit in Dessau antrat, entwarf Breuer in Kooperation mit den Junkers-Flugzeugwerken eine Reihe von Stahlrohrmöbeln und läutete damit eine neue Ära ein. „Solche Stühle sind heute in vielen Arztpraxen und Chefetagen von Banken und Sparkassen zu finden“, erinnert Regina Bittner, stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, vor dem einkaufwilligen Publikum im Rathauscenter, an einen Meister. „Doch diese Stühle sind eigentlich viel mehr“, meinte Bittner. Diese Freischwinger stünden für eine andere Lebensweise. Jeder dieser Stühle gebe das Gefühl von Schwerelosigkeit. Heute selbstverständlich, war Breuers Entwicklung in den 1920er Jahren eine Revolution. Mit neuen Möbeln entstaubte er deutsche Wohnzimmer, spiegelte einen für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Zeitgeist wider.

Die Stiftung Bauhaus Dessau verfügt über eine ganze Reihe von Breuer-Stühlen, wobei den Künstler viel mehr ausmache als seine Entwicklungen im Bereich des Möbelbaus. So erinnerte am Montag der Leiter der Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau, Wolfgang Thöner, an die ersten Monate Breuers in Dessau. Der Künstler wurde geschätzt wegen seiner Fähigkeiten in Malerei und Grafik, widmete sich aber intensiv dem Möbelbau. Zeugnisse seines Schaffens waren in der Gropius-Siedlung Dessau zu sehen. Die dortigen GeWohnhäuser stattete er mit Möbeln aus.

Marcel Breuer schrieb später Weltgeschichte. 1937 siedelte er in die Vereinigten Staaten über. Zunächst als Dozent der Harvard University tätig, startete er dort seine zweite, überaus erfolgreiche Karriere als Architekt. Seine der Moderne verpflichteten Bauten - vor allem Einfamilienhäuser, Universitäts- und Bürogebäude sowie Kirchen und Museen - fanden weltweite Beachtung und galten vor allen in den 1950er und 1960er Jahren als vorbildlich.

Die Exposition am Bauhaus Dessau wird ab 31. Mai beide Schaffensbereiche Breuers zeigen. Beim Design kann die thematisch gegliederte Schau fast alle wichtigen Entwürfe des Bauhäuslers in chronologischer Folge zeigen. Zu sehen sind u.a. die Objekte aus der Breuer-Sammlung der Stiftung Bauhaus. Zurück zum Rathauscenter: Bis zur Eröffnung der neuen Bauhaus-Ausstellung und darüber hinaus haben die Dessauer dort Gelegenheit, sich mit Leben und Werk von Marcel Breuer näher bekannt zu machen. Der Bauhäusler ist Gast in der Lounge von Kurt Weill, die an bekannter Stelle im Center wiedererstanden ist und zum Verweilen einlädt.

Übrigens, wie es der Zufall will, Breuer lebte zuletzt in New York. Und das Motto des Weill-Festes 2013 widmet sich dem Broadway. Man darf sich jetzt schon Freuen auf „New York, New York“.