Bestseller: Hallenser stürmt Krimi-Hitparaden

21.05.2012 19:35 Uhr
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Stephan Ludwig

Stephan Ludwig ist Chef des Ueberschall-Tonstudios in Halle und Mitverfasser erfolgreicher Radio-Comedyclips. Jetzt zeigt der 45-Jährige auch seine dunkle Seite. (FOTO: CLAUDIA KERN)

Von STEFFEN KÖNAU
Stephan Ludwig ist eigentlich Experte für den guten Klang und Humor-Helfer bei Kult-Comedian Olaf Schubert. Mit seinem Debüt "Tod und Regen" aber stürmt der Hallenser nun plötzlich die Krimi-Hitparaden.
Halle (Saale)/MZ. 

Bloß keinen Polizeiruf! Bloß nicht diese verschnarchten Ermittlerfiguren, dieses bräsige Klingelputzen bei der Tätersuche, diese provinzielle Vorhersehbarkeit. Stephan Ludwig winkt ab. Wenn schon ein Krimi, dann aber mit einem Helden ohne Stromlinienform. Und wenn schon harte Bandagen, dann auch mit Blut, Gewalt und richtigem Verbrechen. "Wenn es kracht", sagt Deutschlands jüngste Krimi-Entdeckung, "dann soll es ruhig richtig krachen."

Ludwigs erster Roman hat alles das und noch ein bisschen mehr. Seltsamerweise, denn eigentlich ist der Hallenser eher ein ruhiger Mensch. Als Chef des halleschen Tonstudios Ueberschall schraubt Stephan Ludwig seit Jahren hinter den Kulissen an Musikprojekten, Hörbüchern und Radiotrailern. Jeder hört ihn, keiner kennt ihn - ein Rezept, nach dem der 45-jährige Vater von drei Töchtern auch als Humor-Helfer des sächsischen Kult-Comedian Olaf Schubert agiert. Gemeinsam mit dem Pullunder-Prinzen aus dem Vogtland, der seine Werke seit Jahren bei Ueberschall einspielt, verfasste Ludwig auch den bizarren Ratgeberband "Wie ich die Welt retten würde, wenn ich Zeit dafür hätte".

Ein Werk, das unerwartete Folgen hatte. "Ich saß irgendwann im Auto und hatte plötzlich diese Idee einer richtig heftigen Anfangsszene für einen Krimi", beschreibt Ludwig, der bis dahin noch nie darüber nachgedacht hatte, ein Buch zu schreiben. Trotzdem setzt er sich hin, tippt 15 Seiten in den Computer und findet sie anschließend zur eigenen Überraschung immer noch so gut, "dass ich sie der Agentin geschickt habe, die ich von dem Schubert-Buch kannte."

Der Rest ist inzwischen Bestsellergeschichte. Noch ehe er einen Namen für seinen Ermittler hat, buhlen zehn Verlage um das ungeschriebene Werk. "Ich dachte, ich bin im falschen Film", schüttelt er immer noch den Kopf.

Stephan Ludwig, den seine Freunde nur Lui nennen, hat keinen Moment gezögert und unterschrieben. Nein, er habe zu der Zeit noch nicht gewusst, ob er wirklich ein Buch zusammenbekomme. Schließlich bestand das ganze Vorhaben nur aus ein paar Seiten Text und einem sehr groben Plan, wie es weitergehen könnte. "Aber so eine Chance bekommt man nur einmal."

Irgendwie schien sich auch alles fügen zu wollen. Den fehlenden Namen seines grummeligen Antihelden etwa muss Stephan Ludwig nicht mühsam ausknobeln. Er springt ihn auf dem Nachhauseweg aus der Kneipe förmlich an. "Da war ein Graffiti mit dem Schriftzug ,Zorn'", erzählt er, "und ich dachte sofort, Zorn, das ist echt gut."

Weil auch der Rest passt. Zorn ist ein desillusionierter Ermittler, sein Vorgesetzter ein Ekel, der Mörder ein unsichtbarer Sadist. Das Tempo, das Ludwig anschlägt, ist hoch, die Atmosphäre, die er mit schnellen, starken Strichen erzeugt, erinnert an schwedische Großmeister wie Hakan Nesser oder Arne Dahl. Die schätzt Sachsen-Anhalts neuer Krimikönig. Richtige Fangefühle aber hegt er für den Amerikaner Stephen King. Dem Spannungsspezialisten hat er die Methode abgeschaut, Naturphänomene und Musikstücke in die Handlung zu mixen, um unsichtbar brodelnde Stimmungen mitzuerzählen. Wie King ist auch Ludwig Musiker, sogar ein paar ihrer Lieblingsbands sind dieselben. "King, klar", sagt Ludwig, "das waren die Bücher, die ich nach dem Mauerfall verschlungen habe."

Ein Halle-Krimi ist dieses erste Zorn-Buch mit dem Titel "Tod und Regen" nicht. Nur weil die Geschehnisse ja irgendwo spielen müssen, zieht Stephan Ludwig sie an Kulissen vorüber, die selbst für Besucher der Saalestadt zu identifizieren sind: Der Marktplatz. Die Kneipenmeile. Die Burg. Der Fluss. Das neue, teure Stadion. Die Hochhäuser in der Stadtmitte. Halle ist Ludwigs Zorn und seinem Assistenten Schröder, was Wallander das Örtchen Ystad ist. Wenn der Hauptkommissar richtig zornig ist, schimpft er manchmal auf unverständliche Entscheidungen im Rathaus der Stadt: Theaterschließung, Geldverschwendung. Musste sich der Autor nicht ausdenken. Konnte er wie die Straßen, Plätze und wie auch manche Figur direkt aus dem richtigen Leben nehmen.

"Es ist einfacher so", beschreibt Stephan Ludwig, "denn wer komplett erfundene Schauplätze nimmt, muss immer achtgeben, dass sie auch zusammenpassen." Noch ein Problem, das er nicht hatte: Wenn Zorn ins Auto steigt und nach Westen fährt, kommt er in die Neustadt. Und wenn er aus seinem Hochhausfenster schaut, sieht er die Abraumhalden des Mansfelder Landes am Horizont.

Zwei Stunden am Tag hat Ludwig geschrieben, "recht diszipliniert", wie er findet. Meistens saß er morgens eine Runde am Schreibtisch und abends noch eine, denn die Arbeit im Studio durfte ja nicht liegenbleiben. Dafür, dass er neu im Geschäft gewesen sei, sagt Stephan Ludwig sei er gut vorangekommen. "Am Anfang habe ich dem Lektor fast jede Seite einzeln zugeschickt, damit er mir sagt, ob ich auf dem richtigen Weg bin." Jaja, weiter so, hieß es dann. "Irgendwann war ich beruhigt, weil ich wusste, dass es wahrscheinlich wirklich gut ist, wenn ich es gut finde."

Ludwig schreibt zu "90 Prozent nach Gefühl", wie er sagt. "Was die Dialoge und die Perspektivwechsel betrifft, kommt alles von allein." Manche Szene erreichte ihn sogar nachts im Schlaf. "Ich habe ein paar Stellen geträumt und aufgeschrieben." Ihm sei es vorgekommen, als laufe vor seinem inneren Auge ein Film ab. "Ich musste ihn nur nacherzählen." Und ein wenig würzen, mit viel finsterem Humor: "Das fetzt schon, sich zu überlegen, lässt Du die Marktkirche nun stehen?"

Umso erstaunter ist der neue Stern am deutschen Krimihimmel vom Erfolg, der erdrutschartig über ihn hereinbricht. Im Augenblick schlägt das deutsche Krimiherz in Halle: Ludwigs Startauflage ist etwa so hoch wie die bei Nesser und Dahl übliche. "Dabei kennt mich doch noch gar keiner."

Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb hat der Verlag für "Tod und Regen" riesige Werbeplakate kleben lassen. Die Buchhandlungen haben sogar Stephan-Ludwig-Aufsteller bekommen, die aussehen wie die, die ein neues Stephen King-Werk ankündigen.

Der Autor, von Haus ein leiser Mensch, ist natürlich rüber nach Leipzig gefahren, um sich das anzuschauen. "Muss man ja den Enkeln später erzählen", schmunzelt er. Über die ersten Leser-Reaktionen hatte Stephan Ludwig noch den Kopf geschüttelt: "Ich habe mir was ausgedacht, und die Leute diskutieren es, als wär's echt." Mittlerweile aber hat er Band zwei der Zorn-Serie fertig, schreibt an Band drei und sagt: "Es ist ein Kompliment, dass meine Figuren behandelt werden, als wären sie real."