Drei Jahre nach der Befreiung aus dem Lager: Bruno Apitz 1948 in Weimar (FOTO: PRIVAT/HERBERT MORGENSTERN)
Gegen Ende zeigte Bruno Apitz Nerven. Drei Jahre hatte er bis 1958 an dem Buch seines Lebens gearbeitet, den Roman um die Rettung eines Kindes im Konzentrationslager Buchenwald. Geschrieben auf eigene Kosten. Verfasst gegen starke kultur- und parteipolitische Bedenken. Erst wollte man in der DDR kein KZ-Thema mehr unters Publikum bringen, dann nur, wenn es weltanschaulich möglichst erbaulich ausfiel. Der 1900 in Leipzig geborene Stempelschneider hielt sich wacker, auch wenn er an die Grenzen des auch körperlich Leistbaren gekommen war. Nun musste der Titel des Romans gefunden werden, der im Sommer 1958 im Mitteldeutschen Verlag in Halle erscheinen sollte.
"Du bist ein Mensch, beweise es!": Das war der Titelvorschlag des Autors, den auch dessen Lektor Martin G. Schmidt bejahte. Ein in Naumburg geborener, in Weißenfels aufgewachsener Literat, der sich noch 1958 in den Westen absetzen sollte, wo er sich als Martin Gregor-Dellin einen Namen machte. Der lehnte seinerseits den Romantitel ab, den der Mitteldeutsche Verlag vorschlug: "Wall der Herzen". Zu "süß", zu "pathetisch".
In der Tat. Der Verlag unterbreitete nun eine Serie von reißerischen Zeilen, die den in Leipzig lebenden Apitz vollends in die Überforderung trieben. Der bat seinen Lektor darum, die Wahl zu treffen: "Stunde des Zorns", "Tag des Zorns", "Geburt aus dem Tod", "Das Bündel", "Das Bündel Leben"? Apitz, zu allem bereit, fragte: "Schmeckt irgendeiner davon?" Noch einmal kam kurzfristig ein Apitz-Vorschlag zum Zuge: "Steh gerade oder brich!". Die Werbeabteilung winkte ab. Man servierte zwei letzte Vorschläge und überließ dem Autor die Wahl. Der rettete sich in den Spott. "In Gottes Namen also: ich bin mit dem zweiten Vorschlag ,Nackt unter Wölfen' einverstanden. Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, / ich tu's der Werbung nur zuliebe!"
Innerhalb weniger Wochen war die erste Auflage des Romans vergriffen. 8 000 Exemplare erst, deren Zahl auf 10 000 erhöht worden war, weil im September 1958 die Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet wurde. Diese lebte in ihrem Erziehungsprogramm immer auch von dem Roman des Bruno Apitz, der als Kommunist von 1937 bis 1945 im Lager inhaftiert war; der Roman aber lebte aus eigner Kraft - und das bis heute. Auf drei Millionen Exemplare wird die Weltauflage des in rund 30 Sprachen übersetzten und 1963 von Frank Beyer verfilmten Buches geschätzt. Ein letzthin aus eigenem Erleben gespeistes Werk, dem auch die offen antikommunistische Kritik im Westen ihren Respekt nicht versagte. Marcel Reich-Ranicki: "In ,Nackt unter Wölfen' triumphiert die einfache Menschlichkeit."
Warum und gegen welche Widerstände das gelang, das zeigt die von Susanne Hantke und Angela Drescher besorgte Neuausgabe des Romans, über dessen Rechte heute der Aufbau Verlag in Berlin verfügt. Eine erweiterte Neuausgabe, die erstmals Textstellen aus dem Apitz-Manuskript von 1955 und der letzten Lektoratsfassung von 1958 einfügt und - wie die Herausgeberinnen sagen - "Textverwitterungen" aus 55 Jahren bereinigt. Hinzufügungen werden mit eckigen (1955) und geschwungenen (1958) Klammern bezeichnet. Die halten sich in Zahl und Umfang in Grenzen, sind zum großen Teil sprachlichen und stilistischen Verbesserungen geschuldet, aber in einigen Teilen haben sie es in sich.
Nämlich dort, wo die DDR-Lesart der Buchenwald-Geschichte berührt wird. Vor allem im Blick auf den Alltag im Lager, der zuletzt - im Auftrag und unter Teilhabe der SS-Wachmannschaften - von kommunistischen Funktionshäftlingen am Laufen gehalten wurde. Zu diesen gehörte auf einer unteren Ebene auch Apitz, der in der "Pathologie" diente, wo er Zeuge der systematischen Ermordung von Häftlingen mit Gift-Injektionen wurde.
Und es waren Dienst-Häftlinge, die diese Todeskandidaten zuführten, die nicht ahnten, was ihnen bevorstand - und die deren Leichen beseitigten. Stillschweigende Routine waltete da, die man keinem Leser zumuten wollte, weshalb zum Beispiel eine eindrückliche Szene erst in der Neufassung zu finden ist, in der Apitz die in abgründiger Leutseligkeit verübten Morde des SS-Arztes "Berthold" beschreibt.
Es erscheint paradox: Der Apitz-Roman sollte politisch nützlich sein, dabei aber Roman bleiben, also möglichst vage im Detail. Hinweg also mit Hinweisen auf die Zwietracht unter Häftlingen, auf den von den Nazis übernommenen Lagerjargon ("Menschenschrott", "Ganovenelemente"), auf den täglichen "Dschungelkampf" (Apitz).
Die Historikerin Susanne Hantke liefert ein umfangreiches, durchweg erhellendes Nachwort, das keine Fragen offen lässt. Ihr gelingt es, dem 1979 gestorbenen Bruno Apitz eine Gestalt zu geben, die kein Scherenschnitt mehr ist; erstmals liest man von dessen psychischen und materiellen Nöten bei der Niederschrift des Buches. Erstmals auch nach 1946 ist dessen unmittelbar nach der Befreiung verfasster Erinnerungsbericht veröffentlicht. Wer also den Roman, wozu es gute Gründe gibt, lesen will, der sollte nach dieser Fassung greifen. Auch derjenige, der das Werk zu kennen meint. Es ist eine Ausgabe für mündige Leser, die dem Autor und seiner Geschichte Gerechtigkeit widerfahren lässt.
Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen Aufbau Verlag, 586 Seiten, 22,95 Euro