Charlize Theron: «Ich vermisse den Busch»

03.06.2012 17:19 Uhr | Aktualisiert 20.12.2012 14:23 Uhr
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Charlize Theron

Charlize Theron.  (Bild: Paulus Ponziak)

Der Auftritt ist bühnenreif: Ein Grüppchen Stylisten und PR-Leute hinter sich herziehend schreitet Charlize Theron in den Raum eines Berliner Hotels, als würde sie über einen Laufsteg stolzieren.
Halle (Saale)/MZ. 

Mit 1,77 Meter Körpergröße und 15 Zentimeter High Heels hat sie die absolute Lufthoheit. Fragen beantwortet sie geschäftsmäßig. Doch als das Gespräch auf ihre Heimat Südafrika kommt, ist sie auf einmal hoch konzentriert.

Das Gespräch führte Martin Scholz.

Ms. Theron, haben Sie als Kind Märchen gelesen?

Theron: Ja, während meiner Kindheit in Südafrika habe ich vor allem sehr viele afrikanische Märchen gelesen. Nelson Mandela hat mal ein Buch mit seinen afrikanischen Lieblingsmärchen herausgegeben. Es ist eine wunderbare Sammlung.

Haben Ihnen solche Geschichten früher Angst gemacht?

Theron: Ein bisschen, aber sie haben mich vor allem fasziniert. Afrikanische Märchen handeln oft vom Aberglauben, sind in der Tat sehr Furcht einflößend. Als ich später die Märchen der Brüder Grimm gelesen habe, hat mich vieles in deren Geschichten an die afrikanischen Märchen erinnert.

Ihr neuer Film "Snow White and the Huntsman" ist eine Variation des Grimmschen "Schneewittchen"-Stoffs. Sie spielen die böse Königin, die den Tod besiegen will. Sie muss anderen das Leben aussaugen, sonst altert sie. Sie spielten schon in "Monster" eine aufgedunsene Serienkillerin, jetzt sieht man Sie als verknitterte Greisin. Was reizt Sie an Rollen, in denen Sie hässlich aussehen?

Theron: Wir werden alle älter, es gibt nichts, was wir dagegen machen können. Und das Pendeln zwischen den Extremen - von extrem schön bis zu extrem alt und hässlich - macht die Rolle der Königin nun mal aus. Ich wollte, dass man ihr ansieht und spürt, welche unglaubliche Angst sie davor hat, alt zu werden und zu sterben.

Es gibt noch eine Parallele zu Ihrem Film "Monster": Ähnlich wie die Serienmörderin ist auch die Königin Opfer - beide wurden in ihrer Jugend missbraucht.

Theron: Ja. Niemand von uns wird böse geboren. Ich glaube, dass wir alle mit den gleichen Anlagen auf die Welt kommen, dann werden wir von der Umwelt geformt, oft auch deformiert. Es ist mir wichtig, mich in die Bösen hineinfühlen zu können.

Entwickeln Sie Sympathie für das Böse?

Theron: Nein, ich muss das Böse nicht sympathisch finden, aber ich muss es verstehen können.

Ms. Theron, vor zehn Jahren haben Sie gegen das reale Böse gekämpft, als Sie in Südafrika eine Kampagne gegen Vergewaltigungen mit TV-Spots unterstützten und damit die Macho-Kultur Ihres Heimatlandes massiv gegen sich aufbrachten.

Theron: Das kann man wohl sagen.

Der Druck war so groß, dass Ihr TV-Spot zeitweise nicht ausgestrahlt werden konnte. Was hat diese Kampagne bewirkt?

Theron: Die Kampagne hat Wirkung gezeigt, weil Vergewaltigungen heute in Südafrika nicht mehr wie selbstverständlich verschwiegen werden können, wie das noch in den Jahren zuvor der Fall war.

Vergewaltigungen waren gesellschaftlich akzeptiert. Daran hat sich bis heute zu wenig verändert. Der Mythos unter jungen Männern, dass erst eine Vergewaltigung einen Mann zu einem mächtigen Mann mache, besteht fort. Nach Angaben von Frauenverbänden wurde jede zweite Südafrikanerin in ihrem Leben Opfer einer sexuellen Gewalttat.

Theron: Es ist schockierend. Aber das Totschweigen dieser Verbrechen war für mich ebenso unerträglich wie die Gewalttaten selbst. Viele Vergewaltigungen konnten nicht strafrechtlich verfolgt werden, weil sich die Opfer nicht trauten, auszusagen, weil sie von Freunden und Verwandten gezwungen wurden zu schweigen. All das hat mich daran erinnert, wie vor 30 Jahren auch das Aufkommen von HIV / Aids zunächst totgeschwiegen wurde. Erst nachdem Prinzessin Diana einen Menschen geküsst hatte, der HIV-positiv war, nachdem Künstler wie Elton John oder Elizabeth Taylor darüber gesprochen hatten, wurde über diese Krankheit anders, offener diskutiert.

Mit dem Unterschied, dass Sie, im Gegensatz zu Elton John oder Elizabeth Taylor, wegen Ihres Engagements angefeindet wurden.

Theron: Ich empfand es, wie soll ich sagen . . . primitiv, dass Vertreter des südafrikanischen Rechtssystems damals versuchten, eine Kampagne zu diskreditieren, die Vergewaltigungen anprangerte. Weil sie glaubten, diese Kampagne würde dem Ansehen Südafrikas Schaden zufügen. Tatsächlich hat diese Kampagne geholfen, Menschen in Südafrika zu retten.

Haben Sie die verbalen Attacken gegen Sie getroffen?

Theron: Ich war über die Heftigkeit der Gegenwehr zeitweise sehr frustriert. Ich musste kämpfen, ja. Aber die Siege empfand ich dafür umso überwältigender - der TV-Spot wurde dann ja wieder gezeigt.

Seit 2007 unterstützen Sie mit Ihrem "Africa Outreach Project" den Kampf gegen Aids. Was haben Sie bisher erreicht?

Theron: Das grundsätzliche Problem ist, dass es in Südafrika immer noch keine verlässlichen Daten über die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen gegen Aids gibt. Südafrika hat bereits eine komplette Generation an das HI-Virus verloren. Man sollte doch meinen, dass Politiker daraus Lehren gezogen hätten und jetzt zumindest die nächste Generation besser schützen, jene, die noch nicht HIV-infiziert ist. Wir finanzieren unsere eigenen Datenerhebungen, bezogen auf unsere Projekte.

Was heißt das?

Theron: Wir beobachten genau, was mit den Kindern geschieht, die an unserem Programm teilgenommen haben. Aber das Ausmaß der Aids-Pandemie ist immer noch immens. Wir werden erst mittelfristig sehen können, welche Vorbeuge-Maßnahmen welche Ergebnisse erzielt haben.

Dieses Wissen zu vermitteln ist in Afrika immer noch ein Problem. Nelson Mandela hat einmal berichtet, wie er vor Dorfgemeinschaften darüber sprach, dass Kondome vor Aids schützen. Er wurde von empörten Zwischenrufen von Männern wie Frauen unterbrochen, die sich sowas nicht sagen lassen wollten. Nicht mal von ihm.

Theron: Es war aber sehr wichtig, dass jemand von seiner Statur, mit seiner Glaubwürdigkeit die Tabu-Themen Sex und Aids offen angesprochen hat. Ich selbst habe mit meiner Organisation Sexualaufklärung für Jugendliche in Südafrika unterstützt. Bei den ersten Sitzungen war ich mit dabei. Aber von den Jugendlichen stellte keiner Fragen, keiner wollte reden, nicht über Sexualpraktiken, schon gar nicht über Aids. Als die Krankenschwester einen Dildo herausholte, um ihnen zu zeigen, wie man ein Kondom richtig überzieht, haben viele ihre Augen geschlossen. Weil sie sich so geschämt haben.

Was haben Sie gemacht?

Theron: Wir haben nicht aufgegeben. Als ich 18 Monate später zurückkam, war es ein Unterschied wie Tag und Nacht. Dieselben einst schüchternen Jugendlichen leiteten jetzt diesen Sexualkunde-Unterricht. Sie trauten sich zu, über diese Themen zu reden, stellten jetzt auf einmal Fragen zu Homosexualität. Ein Thema, das in vielen afrikanischen Ländern absolut tabu ist.

Sie haben Nelson Mandela getroffen, nachdem Sie als erste Südafrikanerin einen Oscar für Ihre Rolle in "Monster" gewonnen hatten. Er würdigte Sie mit den Worten, Sie hätten Südafrika zu neuem Ansehen verholfen. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Theron: Als er das sagte, wollte er einfach nett sein. Ich würde mir so was nie anmaßen. Wenn überhaupt irgendjemand Südafrika wieder zu Ansehen verholfen hat, dann er. Mandela hatte einige Jahre zuvor ja auch das fast ausschließlich von weißen Südafrikanern besetzte Rugby-Team empfangen. Ein weißes Rugby-Team - das mehr als vieles andere für das Apartheid-Regime stand. In dem Moment hat sich die wahre Größe Mandelas gezeigt. Er war nach seiner Freilassung nicht von Bitterkeit zerfressen, wegen des Leids, das er und andere schwarze Südafrikaner während der Apartheid erdulden mussten. Und dann hatte er die Größe, alle Südafrikaner zu umarmen, egal welche Hautfarbe sie hatten. Keiner der späteren Präsidenten hat diese Geste seitdem wiederholt. Im Gegenteil, sein direkter Nachfolger Thabo Mbeki hat die Trennung zwischen den unterschiedlichen Ethnien in Südafrika noch verstärkt - das war ein Schritt zurück.

Sie haben Ihre Heimat Anfang der 90er verlassen, um in Europa und den USA zunächst als Model zu arbeiten. Damals standen weiße Südafrikaner im Rest der Welt noch unter Generalverdacht, Rassisten zu sein. Haben Sie das zu spüren bekommen?

Theron: Ja. Damals war es ein Stigma, als weiße Südafrikanerin durch die Welt zu reisen. Und wenn sie wie ich eine Afrikaans-sprechende weiße Südafrikanerin waren, war es besonders schwer. Wir wurden alle gleichgesetzt mit diesen dummen weißen, Afrikaans sprechenden Politikern, die dem Land die Apartheid gebracht und sie aufrechterhalten hatten. Einige Model-Agenturen rieten mir anfangs, nicht zu betonen, dass ich Südafrikanerin war. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich einmal für einen Model-Auftrag nach Jamaika flog. Bei der Pass-Kontrolle nahm mir der Beamte meinen Ausweis weg, warf ihn auf den Boden und trampelte darauf herum. Man weigerte sich, mich im Restaurant zu bedienen. Ich bekam kein Frühstück und . . . aber, ich möchte nicht, dass Sie jetzt einen falschen Eindruck bekommen.

Wie meinen Sie das?

Theron: Ich will hier nicht Mitleid erregen. Ich habe das damals weggesteckt. So unangenehm das für mich auch war, konnte ein Teil von mir diese Reaktionen gut nachvollziehen. Ich kam aus einem Land mit so viel Aufruhr und Ungerechtigkeit.

Wie hatten Sie, als weiße Südafrikanerin, das Apartheid-Regime erlebt?

Theron: Als ich in Südafrika lebte, war ich ein politisch interessierter Teenager. Ich verfolgte die Nachrichten, las Zeitungen - mir war schon damals klar, dass viele Menschen mit Propaganda gefüttert wurden.

Sie wuchsen mit Ihren Eltern auf einer Farm in Benoni in der Nähe von Johannesburg auf. Hatten Ihre Eltern, wie viele Weiße, schwarze Südafrikaner als Arbeiter beschäftigt, hatten Sie selbst schwarze Freunde?

Theron: Meine Eltern leiteten eine Straßenbaufirma. Jeder, der für die Firma arbeitete, lebte auf unserer Farm. Bei uns lebten Zulus und Xhosas mit ihren Familien. Ich bin mit den schwarzen Kindern aufgewachsen. Diese Kinder gehörten für mich zu meiner Familie. Wenn meine Eltern in die Stadt fuhren, passten die schwarzen Erwachsenen auf mich auf. Ich aß mit ihnen, lebte mit ihnen. Von der Apartheid bekam ich nur dann etwas mit, wenn wir in die Stadt fuhren. Oder wenn ich hörte, wie meine Eltern untereinander darüber sprachen.

Was vermissen Sie an Südafrika, wenn Sie in Los Angeles sind?

Theron: Schwer zu sagen. Die Gerüche, die Menschen, den Sinn für Humor, das Essen. Am meisten vermisse ich die Landschaft. Ich vermisse den Busch.

Mit Ihrem "Africa Outreach Project" finanzieren Sie den Bau von Fußballfeldern, um Jugendliche von der Straße zu holen. Ihre Partner sind unter anderem US-Fußball-Clubs. Konnten Sie für dieses Projekt keinen der europäischen Spitzen-Vereine gewinnen?

Theron: Doch, doch. Chelsea London war ein großer Förderer. Sie haben sich drei Jahre lang verpflichtet, Ausrüstung und Fußballlehrer nach Südafrika zu schicken, um dort mit Jugendlichen zu trainieren. Das ist mehr als eine schöne Geste. Fußball ist in Südafrika sehr populär. Für viele Kinder ist es ein Traum, ein Versprechen, dass sie es schaffen können. Ich glaube, dass diese Fußballfelder und die Strukturen darum vielen Kindern Halt geben.

Interessieren Sie sich ernsthaft für Fußball?

Theron: Ich liebe Fußball. Aber ich habe seit kurzem ein Baby adoptiert, das meine volle Aufmerksamkeit beansprucht. Da bleibt mir nicht viel Zeit, um Fußball zu gucken. Gewöhnlich schaue ich mir immer den internationalen Soccer Chanel an.

Waren Sie während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika?

Theron: Was glauben Sie denn! Ich war bei den Halbfinal-Spielen dort und auch beim Finale. Und vorher auch bei einigen Spielen. Ich fand, dass sich Südafrika im Spiel gegen Mexiko gut geschlagen hat - darüber hinaus haben wir dem Rest der Welt gezeigt, dass wir auch großartig am Spielfeldrand tanzen können.

Haben Sie einen Favoriten für die Europameisterschaft?

Theron: Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, muss ich gestehen, dass ich die spanischen Spieler von Real Madrid und Barcelona sehr, sehr mag. Was glauben Sie, wer gewinnen wird?

Das ist jetzt leidlich originell: Aber ich hoffe, dass es Deutschland schaffen wird.

Theron: Sie können dem deutschen Team gerne ausrichten, dass mir ihre Hilfe beim Bau von weiteren Fußballfeldern in Südafrika herzlich willkommen wäre. Ihr Trainer kann mich anrufen. Jederzeit.