Aktivisten arbeiten mit Kreide an einem freien Projekt, 2011 in Berlin. (FOTO: KLUB7)
Künstlerförderung ist vermintes Gelände, das wissen auch die Mitwirkenden beim Kulturkongress. Im System staatlicher Kulturfinanzierung steht sie an letzter Stelle, so lange der Löwenanteil an die Bühnen, Orchester und Museen fließt und zugleich immer weniger wird angesichts der schwindenden Spielräume schuldenbelasteter öffentlicher Haushalte. Die Debatte geht letztendlich um Verteilung, doch wer soll sie führen im Kreis interessengesteuerter Kulturinstitutionen?
Das Aushängeschild der Förderung auf Landesebene ist die Kunststiftung. Sie entscheidet über Anträge und setzt eigene Schwerpunkte. Aber unter der Leitung von Manon Bursian hatte sie einen umstrittenen Start. Kritik wurde laut an der Handhabung von Anträgen und mangelnder Transparenz der Mittelverwendung. Ein zentrales Instrument in der Künstlerförderung ist in seiner Wirksamkeit derzeit zumindest eingeschränkt.
Nachbarn der Stiftung sind in Halle die Kunsthochschule, der Künstlerverband, das Landeskunstmuseum und etliche Galerien. Die Stadt verkörpert so das Image von Weltoffenheit und Erneuerungsfähigkeit, das sich das Land von der Kunst verspricht.
Halle hält auf künstlerische Nachkriegs-Tradition und die "Burg" auf ihren Namen. Aber kreative Kräfte anziehen, bedeutet noch nicht, ihnen dauerhaft Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Was Publikum, Öffentlichkeit und Käufer angeht, stößt Halle an Grenzen: Die Schicht interessierten Bürgertums ist schmal und dessen Haltung ausgeprägt traditionsverwurzelt, wie auch bei vielen lang ansässigen Künstlern.
Die Grundsatzfrage, ob es richtig ist, Künstler zu alimentieren, stellt sich in diesem Kontext praxisnah. Die Szene verleiht Halle den Bonus des Kreativen und Lebhaften, doch die Vorstellung, dass Künstler von ihren Produkten leben oder sich andere Arbeit suchen sollten, ist keine bloße Stammtischweisheit. Es geht vielmehr um die Autonomie der Kunst. So gibt es in der Szene durchaus Akteure, die keine Förderung wollen, etwa beim "Klub 7". "Behördliche Abläufe dauern oft länger als das Projekt selbst", sagt Christian Heinicke, einer der mittlerweile noch sechs "Burg"-Absolventen örtlicher Herkunft im Alter Mitte 20, die aus der Straßenkunst hervorgingen, aber längst zu eigenständigem Profil gereift sind. Eingeschworen auf "Low Budget"-Techniken, schließt die Gruppe einen Kompromiss mit dem Konsum, bekunstet Schaufenster und Fahrräder, realisiert multimediale Auftritte für Weltmarken. Kunst im Dienste von Hipness? Für sich und die Gruppe glaubt Heinicke die Grenze zur Vereinnahmung ziehen zu können: "Wir machen es abhängig davon, ob wir als Künstler dargestellt werden." Als ihr Terrain betrachten sie Bildchiffren an freistehenden Hauswänden, für die sie willige Eigentümer und Sponsoren suchen.
Das immerhin passiert auch noch in Halle, doch zum Geldverdienen - und zum Netzwerken in der internationalen Szene - ist die Gruppe längst weiter gezogen nach Berlin. Ihr Beispiel bespiegelt die Kunstförderung im Dilemma zwischen Stärkung örtlicher Kräfte und Wegbereiter für Karriere anderswo.
Denn auch der "Klub 7" fand seine öffentliche Bühne zunächst in Halle im "Ufo", einer von der Kunststiftung geförderten Produzentengalerie. Ihr Gründer Holger Neumeier, gleichfalls Burg-Absolvent, war ausdrücklich angetreten, im traditionsverhafteten Umfeld Halles alternative "Kunsträume" zu schaffen, Lagermentalität aufzubrechen, das Publikum zu vermischen und Allianzen zu schmieden. "Das ist gescheitert", sagt Neumeier heute. Das Revierdenken erwies sich stärker als das Verbindende. "Galerierundgänge" laufen getrennt, Werbeplätze werden verteidigt, politische Einflussnahme läuft einseitig.
Produzentengalerien haben deshalb nicht an Sinn verloren. "Raum Hellrot" ist von einem leer stehenden Laden jüngst in eine Dachgeschossetage gezogen und weitet sein Programm ebenso wie seine Diskursebene beachtlich aus.
Doch ihre Initiatoren dürften bald an dem Punkt stehen, mit dem Neumeier seine Erfahrung in die Einsicht zusammenfasst: "Die Künstler sind auf Dauer keine Galeristen. Und die Galerien müssen sich längerfristig ohne Förderung tragen." Derzeit geht er einer neuen Frage nach und will herausfinden, ob lang eingeführte, aber in eingefahrenen Bahnen agierende Kunsteinrichtungen in Städten wie Leuna, Mansfeld oder Eisleben auch Modelle zur Vermittlung junger Kunst sein könnten. Dass eine der Sache dienliche Kunstförderung am besten eingesetzt ist, wenn sie die Möglichkeiten für Künstler erweitert, wahrnehmbar und wirksam zu sein, zeigen auch Überlegungen, die im Künstlerverband kursieren. Der geht deutlich durch eine Phase der Verjüngung.
Man findet sich zusammen, um Einfluss auf die "Kulturpolitischen Leitlinien" zu nehmen, die der Stadtrat derzeit diskutiert. Der Entwurf zu einem "Positionspapier" nennt Stichpunkte - den Ruf nach freier Plakatierung etwa, nach einem Kunstportal auf der städtischen Webseite, und nach einem Kunst- neben dem Händelfestival.
Halles Nähe zu den Kunstzentren Berlin und Leipzig muss kein Nachteil sein. Der Abwanderung steht eine Zuwanderung, sogar von Galerien entgegen, etwa der "Positionsgalerie", die ihre Wurzeln aus Berlin nach Halle verlegt hat. Künstler stellen fest, dass in Halle Atelierraum billig ist und weniger Konkurrenz herrscht.
Urbanistische Projekte gewinnen Profil durch künstlerische Initiativen wie "Freiraumgalerie", Kunstkiosk "Herr Fleischer" und "Stadt-Garten". Die gegenseitige Befruchtung von Kunst- und Stadtentwicklung ist als Förderkriterium noch zu entwickeln, die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege ebenfalls. Am Wochenende ist in Halle Gelegenheit, die Potentiale der Szene beim Atelierrundgang mit dem sinnigen Namen "kultur-produkt" neu einzuschätzen.