Die Toten Hosen: Locker mit der Last der Welt

08.05.2012 19:01 Uhr | Aktualisiert 08.05.2012 19:06 Uhr
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Die Toten Hosen

Zurück auf Anfang: Ihre Jubiläumstour starteten die Toten Hosen im Bremer Schlachthof, wo einst alles begann. (FOTO: DPA )

Von Steffen Könau
Im 30. Jahr ihres Bestehens beschert die Düsseldorfer Band "Die Toten Hosen" sich und ihren Fans ein Doppelalbum mit neuen eigenen und fremden alten Liedern.
Halle (Saale)/MZ. 

Sind das Hunde, die da bellen? Weit hinter den dunkel dräuenden Gitarren? Den Streichern, die von Großem künden, das gleich passieren wird? Etwa die Hunde, die immer bellen, während die Karawane weiterzieht, wie Bundeskanzler Helmut Kohl einst ein für allemal formulierte?

Kohl wurde 1983 Kanzler, es war das Jahr, in dem die Düsseldorfer Punkband Die Toten Hosen ihr erstes Album veröffentlichte. "Opel-Gang" hieß das, es erschien auf dem bandeigenen Plattenlabel Totenkopf und enthielt 15 Lieder, eines kürzer als das andere. Ein Hund bellte auch schon. Nur Streicher spielten nicht mit.

Das ist auf dem neuen Hosen-Werk "Ballast der Republik" anders, nicht nur beim opulenten instrumentalen Auftakt "Drei Kreuze". Was vor drei Jahrzehnten stumpf abrocken musste, weil die Musiker nicht mehr als drei Akkorde unfallfrei aneinanderklöppeln konnten, findet sich auf Studioalbum Nummer 15 als blitzblankpolierter Edelrock wieder.

Die Opel-Gang fährt hier im sechsten Hymnen-Gang, von Anfang an. Das Titelstück startet mit Mariachi-Gitarren, der erste Single-Hit "Tage wie diese" macht dort weiter, wo die Selbstbeschwörung "Steh auf, wenn du am Boden bist" vor zehn Jahren aufhörte. Es gibt Hochgeschwindigkeitsnummern wie "Traurig einen Sommer lang" und Balladen wie "Draußen vor der Tür", Ulknummern wie "Schade, wie kann das passieren?" und private Filme aus dem Rockstaralltag wie "Das ist der Moment".

Im Grunde ein Best-Of-Album aus lauter neuen Songs, das Andreas "Campino" Frege, die beiden Gitarristen Andreas von Holst und Michael Breitkopf, Bassist Andreas Meurer und Schlagzeuger Vom Ritchie sich und ihren Fans da zum Jubiläum kredenzen. Zusammen mit dem Rostocker Rapper Marten Laciny, der sich Marteria nennt, hat Campino zur Feier des Jahres zudem Texte geschrieben, die sich die ganze Last der Welt aufladen - und sie locker wegtragen: "Ballast der Republik" thematisiert die deutsche Vergangenheit, die nicht vergehen will. "In den Clubs und auf den Straßen, alle haben es so satt, man tanzt bis in den Morgen, doch die Sorgen fallen nicht ab", singt Campino über die Geschichte, die "wie Pech, das an uns klebt" ist. Lange vergangen, aber deshalb lange nicht vorbei.

Trotzdem, auch wenn der Auftakt anders wirkt - es ist keine politische Platte wie einst "Opium fürs Volk", die die Toten Hosen da gemacht haben. Viel mehr wirkt die Songsammlung wie ein Gesamtabriss der Themen, die die Band seit Anfang der 90er Jahre immer wieder beschäftigten. Glaube, Liebe, Gerechtigkeit. Und Party. In "Europa" geht es um Flüchtlinge, die über das Mittelmeer auf den gelobten Kontinent des Reichtums zu gelangen versuchen. Die Gitarre spielt etwas, das nach Sirtaki klingt, Campino singt mit Inbrunst "und wenn sie nicht gestorben sind, sterben sie noch heute". "Zwei Drittel Wodka" macht den Bommerlunder, "Reiß Dich los" ist ein kleines bisschen "Alex" und bei "Oberhausen" kommt aus dem Radio wieder ein kleines "Liebeslied".

Das "Alte Fieber" (Liedtitel), es ist noch da. Manchmal brennt es hell wie in Standardkompositionen der Marke "Scheiße, wie kann das passieren", einem Stück Gröhlgesang, das wie ein Düsseldorfer Gegenstück zum unsterblichen Anti-Bayern-Lied wirkt. Manchmal glüht es dunkel, etwa wenn Campino in "Draußen vor der Tür" Zwiesprache mit seinem verstorbenen Vater hält, ihn, seinen Antipoden, in sich selbst wiedererkennt: "Ich hab' kapiert. dass ich dich nie, niemals verlier', doch obwohl du mir bleibst, fehlst Du mir sehr".

Vom jüngsten Werk der Deutschpunk-Konkurrenz Die Ärzte haben sich die Düsseldorfer an diesem Punkt so weit entfernt wie Helmut Kohl vom Kanzleramt. Wo Farin Urlaub und Co. mit fast 50 fragt "Ist das noch Punkrock?", liefert der wenig ältere Campino in "Das ist der Moment" die Antwort. Morgens um sechs holt er seinen Sohn aus dem Bett. Fährt ihn zur Schule. Sagt tschüss. Schaut ihm hinterher. Und denkt "das ist der Moment, an dem du einmal hängst".

Ja, in Würde Älterwerden ist der neue Punk. Die Posen, die die wilden jungen Männer vor 30 Jahren einnahmen, um sich abzugrenzen von einer Gesellschaft, für die sie nur Verachtung empfanden, sind fort wie das Stakkato-Hecheln von "Modestadt Düsseldorf". Heute sind die Hosen-Klamotten nicht mehr aus dem Altkleidercontainer und die Blickrichtung geht nicht mehr vom Rand nach innen. Nein, in Zeiten, in denen Parteien den Totenkopf im Logo tragen, sind die Hosen selbst die neue Musikmitte: Eine Band für Wochenend-Rebellen, denen Silbermond zu soft und Rammstein zu ledrig ist.

Das hier ist technisch perfekt, emotional ausbalanciert, ein Rennen über 16 Etappen, das auch nach dem letzten Ton des finalen "Vogelfrei" nicht zu Ende ist. Denn als kleines, großes Extra zum Geburtstag legt das Quintett noch einmal 15 Stücke auf einer zweiten CD drauf. "Die Geister, die wir riefen" versammelt Lieblingslieder der Hosen vom "Computerstaat" der Gruppe Abwärts über das "Moorsoldaten"-Lied und Rio Reisers "Keine Macht für niemand" bis zum "Schrei nach Liebe", der von den Ärzten stammt. Die alte Konkurrenz? Das ewige Wettrocken? Pfeif drauf. Die Hosen-Version ist besser. Wahrscheinlich, weil sie auf die Streicher verzichtet.