Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva spielen in «Liebe». (FOTO: DPA)
Schon am Morgen war der Himmel grau, und später regnete es stundenlang wie aus Eimern an der Cote d'Azur, nicht nur Isabelle Huppert musste auf dem Roten Teppich in Gummislippern und unter einem Schirm entlangwaten - doch wenn auch der Glamour ins Wasser fiel, sah man am Wochenende die bisher spannendsten Filme und den ersten Favoriten beim Filmfest von Cannes.
Unter anderem zwei Regisseure, die hier mit ihren jeweils letzten Filmen Goldene Palmen gewannen, stellten ihre neuesten Arbeiten vor: Cristi Mungiu aus Rumänien und der Wiener Michael Haneke.
Haneke, der 2009 mit "Das Weiße Band" triumphierte, erzählt in "Amour" (Liebe) von zwei Menschen und deren letztem gemeinsamen Weg. Es ist eine Abwärtsspirale, ein Weg zum Tode. Man lernt ein Paar kennen, Georges und Anne, beide in den 80ern, aber wach und rüstig, gespielt von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva.
Es beginnt mit einem Abend im Konzert, schnell spürt man Vertrautheit, Intimität, Liebe. Man lernt die Verhältnisse kennen: sehr bürgerlich, wohlhabend. Musik spielt in beider Leben eine zentrale Rolle, alte Möbel, Bilder und Bücher umgeben sie. Sie finden Glück in der Kunst, kennen keine Langeweile, hatten ein offenkundig erfülltes Leben. Aber eines Morgens hat sie einen ersten Schlaganfall. Zu Hause zurück, bittet sie ihn, sich zu setzen: "Versprich mir: nie wieder zurück ins Hospital." Nichts wird wieder wirklich in Ordnung sein, das ist klar. Haneke beobachtet voller Anteilnahme, ruhig und genau. "Amour" ist ein Kammerspiel, völlig konzentriert auf die zwei Menschen, nur gelegentlich unterbrochen vom Besuch der Tochter (gespielt von Isabelle Huppert). Wir sehen Intimität: Georges hilft beim Aufstehen, bei der Toilette. Wenn sie ins Bett gemacht hat. Noch haben sie schöne Momente, noch kann sie reden. Einmal sagt sie ihm "Ich kann nicht mehr. Ich bin müde". Stück für Stück wird alles schwerer, unangenehmer, schlimmer. Ein erschütternder Film, ein Meisterwerk. Das bisher Beste im Wettbewerb. Wenn man die Neugier eines Filmemachers erkennt, spürt, dass auch er nicht alle Antworten hat, dann ist man auch selber neugierig.
Genau dies unterscheidet Haneke von seinem Landsmann Ulrich Seidl. In "Paradies: Liebe" erzählt Seidl nahe an einem Dokumentarfilm von einer Gruppe von älteren Frauen, die in Kenia Urlaub machen - als Sextouristinnen. Seidls Bilder sind ausgezeichnet und hochästhetisch. Aber sie zeigen nichts, was man nicht bereits kennen würde, bewegen sich vielmehr oft stark an der Oberfläche. Es fehlt ein Moment des Suchens in einem besserwisserischen, glatten, aber sehr gut gemachten Film.
Weit weniger überzeugte Cristi Mungiu, der 2007 mit dem Abtreibungsdrama "4, 3, 2" gewann. "Dupa Dealuri" erzählt von einem rumänischen Nonnenkloster. Man nimmt ein einsames Mädchen auf, das sich aber bald merkwürdig benimmt. Statt die offenkundige psychische Störung zu behandeln, praktiziert der fanatische orthodoxe Priester einen Exorzismus - mit Todesfolge. Die Botschaft des Films ist vor allem die, wie schrecklich die Welt und die Menschen sind. Spekulativ ist zudem die distanzierte Machart des Films, die es möglich macht, ihn als Metapher auf alles und nichts zu verstehen: Als Kritik am Stalinismus und an religiösem Fundamentalismus, aber genauso als reaktionäre Kritik an einer liberalen Gesellschaft.