Ein Gesicht des Arabischen Frühlings: Ein junger Mann schützt das Viertel Zamalek, ein Stadtbezirk von Kairo, vor Plünderern und Gangs. (FOTO: IVOR PRICKETT)
Leer sind die Straßen des Protestes. Im Zwielicht der Straßenlaternen geht ein junger Ägypter seine Runden. In Zamalek, einem Wohn- und Geschäftsbezirk von Kairo, will er über die Sicherheit der Bewohner wachen. Beschützen soll er sie - vor Plünderern und Gangs. Seine Waffe: ein Baseballschläger, den er in der linken Hand zusammen mit einer Zigarette hält. An sein rechtes Ohr drückt er ein Mobiltelefon - was er aus diesem zu hören bekommt, scheint ihn zu bestürzen. Auch das ist ein Gesicht des Arabischen Frühlings.
Der Fotograf Yvor Prickett, der dieses Bild während der ägyptischen Protestwelle im Frühjahr vergangenen Jahres aufgenommen hat, entschied sich dafür, dem Kanon der Medienbilder etwas entgegenzusetzen. Seine Aufnahmen zeigen keine riesigen Menschenmassen oder Kundgebungen. Die Kamera richtete der Ire vielmehr auf Nebenschauplätze - Regime-Gegner am Morgen nach einem erbitterten Kampf mit Mubarak-Anhängern; verunsicherte Soldaten, die nach dem Sturz des Herrschers Hosni Mubarak auf dem Tahir-Platz patroullieren.
Alle Fotos stammen aus der Serie "Days of Anger" und sind noch bis Sonntag im Rahmen der F / Stop-Ausstellung "The History of Now" zu sehen. Die fünfte Ausgabe des renommierten Leipziger Fotografiefestivals beschäftigt sich mit der Frage nach den Möglichkeiten und Bedingungen der visuellen Beschreibung von Realität. Wie wird Wahrheit mit Bildern erzeugt und auf welche unterschiedliche Weise tun dies künstlerische und journalistische Fotografie?
In der Hauptausstellung "The History of Now", die auch das Motto des diesjährigen Festivals liefert, arbeiten sich die Künstler an der Frage nach einer adäquaten Berichterstattung ab. Armin Linke und Fabian Bechtle arbeiten dabei mit Archivmaterial. Aus einem Konvolut von 16 000 Bildern, die eine kleine Gruppe von Fotografen zwischen 1948 und 1980 im Umfeld des ehemaligen Präsidenten Jugoslawiens Tito gemacht hatten, wählten sie Aufnahmen aus. Und katapultieren damit das Archiv ins Rampenlicht. Auch der Künstler Sven Johne überlässt das Fotogafieren einem Anderen - einem belgischen Soldaten in Afghanistan, den er am 27. April 2012 aus dem Sichtfenster eines Panzers heraus bei der täglichen Patrouille Bilder machen lässt. So entstanden ungewohnte Ansichten vom Krieg.
Daneben wartet "Sea of Promise" mit einer Fotobuchausstellung auf, dem Künstler-Duo "Korpys / Löffler" ist eine Einzelausstellung gewidmet. Und die "Plattform" bietet jungen Künstlern die Möglichkeit, eigene Formate zum Festivalthema zu entwerfen.