Friedrich II.: Haus der tausend Augen

27.04.2012 22:53 Uhr | Aktualisiert 27.04.2012 23:05 Uhr
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Lykomedas-Skulpturen

Wieder vereint: Von Friedrich II. erworbene Lykomedas-Skulpturen. (FOTO: DAPD)

Von christian eger
Empfang im Neuen Palais: Die große Jubiläumsausstellung «Friederisiko» zeigt den Preußenkönig als Bauherren seines eigenen Nachruhms.
potsdam/MZ. 

Wäre der König den Vorschlägen seines Baumeisters Knobelsdorff gefolgt, dann würde das Neue Palais heute in Berlin stehen: an der Prachtstraße Unter den Linden. Aber Friedrich II. liebte die versteckten Plätze mehr als die öffentlichen. Die Natur zog er der Stadt vor. So überrascht das von 1763 bis 1769 errichtete Schloss im größten preußischen Garten - am Westrand des Parks von Sanssouci.

Da hatte Berlin noch einmal Glück gehabt. Denn das in Rekordbauzeit hochgezogene Gebäude ist ein prächtiger, aber kein schöner Bau. Alles daran war schon damals von gestern: die barocke äußere Gestalt, als in Dessau-Wörlitz bereits klassizistisch gebaut wurde. Die Anordnung der Räume nach den Forderungen des höfischen Zeremoniells, als dieses in Europa längst am Abschmelzen war.

Friedrich hatte spürbar etwas nachzuholen mit diesem Bau, der ein Denkmal seines - zufälligen - Sieges im Siebenjährigen Krieg ist. Plötzlich war Preußen Großmacht - und die brauchte ein großes neues Schloss, das als Gästehaus des europäischen Hochadels dienen sollte. Das Neue Palais war also vor allem ein Fall von politischer Überrumpelungsarchitektur. Friedrich selbst sprach von einer "Fanfaronade", einer Prahlerei. Drei Flügel, 220 Meter Frontlänge, mehr als 200 kostbar ausgestattete Zimmer.

Die sind nun in einer Zahl und Schönheit zu erleben wie seit mindestens 70 Jahren nicht mehr. Denn nach dem Tod Friedrichs II. im Jahr 1786 diente das Haus nur noch dem jeweiligen Kronprinzenpaar als zeitweise Unterkunft, nach 1918 wurde es Schlossmuseum, immer nur in bestimmten Teilen zugänglich, während die anderen vor sich hin dämmerten und rasant verfielen: all die nutzlosen Säle und Galerien, die Königs-, Prinzen- und Gästewohnungen.

Von heute an sind 72 Räume in einem Zug zugänglich: als Austragungsort der Ausstellung "Friederisiko", die im Titel den Namen des Königs, der vor 300 Jahren geboren wurde, mit einer seiner herausragenden Eigenschaften zusammenzieht: dem halsbrecherischen Wagemut. Ohne Risiko kein Ruhm, das wusste Friedrich als Feldherr immer. Und als Bauherr.

Kaum zu glauben, dass der König sein Schloss "Friedrichsruhe" nennen wollte, denn bis in den letzten Winkel hinein wirkt die geistige Unruhe Friedrichs, der nichts dem Zufall überließ. Auch nicht an der Gestalt der Räume, von denen ein Drittel erstmals überhaupt gezeigt wird. "Die Ausstellung hat zwei Hauptakteure: Friedrich II. und das Neue Palais", sagt der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Hartmut Dorgerloh, über die Schau, die bis Ende Oktober geöffnet ist.

Zu erleben in zwei Schlossetagen von einem insgesamt rund 1,5 Kilometer langen, rollstuhltauglichen Steg aus. Durch Räume verlegt, die elf Themen präsentieren: vom "Tagesgeschäft" des Königs über "Risiko und Ruhm" bis hin zu "Körper und Seele". Kühl und abgedunkelt sind die Zimmer, als wären sie von Kerzen erleuchtet. Keine aufwendige Austellungsarchitektur drängt sich auf. Statt dessen werden leichthändig Schaustücke platziert, manchmal nur ein Exponat pro Raum. So streift man zum Beispiel in der Abteilung "Tagesgeschäft" durch die Wohnung des Königs. Im Konzertzimmer liegt die Querflöte Friedrichs, in der Schlafkammer eine hölzerne "Poudre-Machine", mit der allmorgendlich die Perücke des Staatschefs eingestäubt wurde. Eine Tasse aus Meißner Porzellan steht da, aus den Werkstätten der besiegten Sachsen also, aus der Friedrich seinen Kakao trank.

Im Speisezimmer sind Nachbildungen von Kirschen zu sehen, die der König bevorzugte, der ein alter, aber süßer Fritz war. Anrührend gelingt die Präsentation des wiederhergestellten kleinen Lesekabinettes, das zu Friedrichs Zeiten nach dessen engsten Gefährten "Hundezimmer" hieß. Sprechende Stücke liegen aus: ein angekokeltes Buch, das bei Friedrichs Lektüre von einer herabgebrannten Kerze entzündet wurde. Und das Werk, auf das er im Sterben blickte: die Geschichte der römischen Kaiser.

Nahezu jeder Raum bietet ein gutes Friedrich-Zitat, so dass man am Ende des mindestens anderthalbstündigen Rundganges ein ganzes Fritz-Werk gelesen zu haben meint. Das bietet Unterhaltung auf hohem Niveau. Die wissenschaftlichen Kuratoren Jürgen Luh und Alfred Hagemann schaffen es, kurz und verständlich die Themen zuzuspitzen, ohne diese in ihrer Vielschichtigkeit zu verraten. Es wird nichts ausgelassen. Nicht, dass Friedrichs religiöse Toleranz aus einer Verachtung des Religiösen resultierte. Nicht, dass er seinen Nachfolger - den Neffen Friedrich Wilhelm II. - so miserabel behandelte, wie er selbst von seinem Vater behandelt wurde.

Stellenweise wird der Bau gelesen wie ein Buch: auf Botschaften Friedrichs hin. Zu dessen Lebzeiten war im Schloss kein Porträt von ihm zu finden. Aber er zeigte sich in bildnerischen Verhüllungen. Als Ganymed, der Schönste der Sterblichen, im Deckenbild des Marmorsaales. Oder als Alexander, der die Würde der Besiegten achtet.

Man wird diese Schau, die - was sich schon abzeichnet - die Touristen wie in fritzischen Heerscharen anziehen wird, zweimal besuchen müssen. Einmal, um hier das endlich von weltanschaulichen Nebeln befreite Interesse an diesem König neu zu entfachen, das zweite Mal um es zu vertiefen - nach der Lektüre des zweibändigen Kataloges.

Wenn an dieser Schau etwas auszusetzen ist, dann ist es technisch-dramaturgischer Art. Bei aller restauratorischen Vorsicht: eine Vielzahl der Räume ist zu dunkel für den Schauzweck und nach etwa 40 Minuten wird es doch etwas kalt. Die Entscheidung für unabhängig voneinander zu absolvierende Themen hat den Nachteil, dass der Besucher niemals weiß, ob er nun alles oder nur fast alles gesehen hat. Besucherpaare sollten sich in der Schau nicht trennen: Sie finden sich nie wieder. Nicht in jedem Raum sind Hinweise auf dessen historische Verwendung vorhanden. Aber das Haus der tausend Augen, die immer die Augen Friedrichs sind, ist noch einige Ausstellungen wert. Eine der besten ist von Samstag an zu sehen.