Es gibt Sätze in diesem Buch, die einem angesichts der Nüchternheit, in der sie scheinbar formuliert worden sind, den Atem stocken lassen: "Westliche Historiker haben Schätzungen angestellt, denen zufolge die Zahl der Opfer der Terrorjahre zwischen 5 und 15 Millionen Menschen liegt. Ich muss leider annehmen, dass die zweite Zahl der Wirklichkeit sehr viel näher kommt als die erste."
Nun kann man einwenden, diese Angaben über die Ausmaße der stalinistischen Verbrechen in der Sowjetunion würden doch längst als Allgemeingut gelten. Nur stammt das zitierte Bekenntnis eben von dem kommunistischen Historiker Wolfgang Ruge (1917-2006), der selber zu den Verfolgten gehörte und erst 1956 auf deutschen Boden, in die DDR, zurückkehren durfte - begleitet von seiner Frau Taja und seinem zweijährigen Sohn Eugen (Shenja), der inzwischen mit dem Familienroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" bekannt geworden ist.
Wolfgang Ruges Erinnerungen, in den Jahren der DDR begonnen, sind also durchaus etwas Besonderes, ein spätes Gegenstück zu Wolfgang Leonhards berühmtem Buch "Die Revolution entlässt ihre Kinder", worin der bereits 1949 in den Westen geflohene Autor zu Beginn der 50er Jahre mit Stalins System abgerechnet hatte.
Die Lebensgeschichte Wolfgang Ruges ist anders verlaufen, doppelt tragisch - und beispielhaft für nicht wenige Gutgläubige, die vor der Nazi-Herrschaft aus Deutschland nach Moskau geflüchtet waren, wo sie in die grausamen Mühlen der Verfolgung angeblicher "Volksfeinde" und Verräter gerieten und schließlich doch dem kommunistischen Ideal die Treue hielten.
Darüber berichtet Ruge in "Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion". Auch, zumindest im Text hinter dem Text, über die Verschwiegenheit, zu der sich die Opfer selber verpflichteten. Eugen Ruge schreibt im Nachwort zu seines Vaters Buch, dieser habe seine Erlebnisse nicht verdrängt und zumindest im nicht öffentlichen Raum offen darüber gesprochen. "In der DDR hatten solche Erzählungen Sensationscharakter", erinnert Eugen Ruge.
Damit markiert er ein charakteristisches Merkmal der DDR-Gesellschaft, zu deren Elite das SED-Mitglied Wolfgang Ruge als prominenter Wissenschaftler gehörte: Es gab immer zwei Wahrheiten über die Geschichte, die offizielle (und immer noch stalinistische), und die wirkliche. Wer erfahren wollte, was unter Stalins Herrschaft in der Sowjetunion geschehen war, blieb auf verbotene Bücher oder eben auf den Zugang zu den Zirkeln der staatsbeherrschenden Minderheit, der Nomenklatura, angewiesen.
Der Umstand, dass Wolfgang Ruge dieser Macht nicht entkommen wollte oder konnte, schmälert freilich nicht den Wert seiner Aufzeichnungen - die er ganz zu Recht in der DDR für unveröffentlichbar gehalten hat. Es ist das Buch eines Mannes, der wohl mehr aus Überzeugung denn aus Opportunismus kein Dissident werden wollte - aber trotzdem Angst gehabt haben wird, an seinem Wissen über den Schrecken, dessen Zeuge er gewesen ist, noch nachträglich zu ersticken.
Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder war der damals 16-jährige Jungkommunist aus Deutschland geflohen, über Schweden und Finnland erreichten sie das "gelobte Land". Und schon an der Grenze begann sich das Arbeiterparadies zu entzaubern, auch wenn es der Gutgläubige noch lange nicht wahrhaben wollte: Schmutz, Hunger, Mangelwirtschaft bestimmten den Alltag. Und die allgegenwärtige Furcht, Opfer der irrational begründeten Säuberungswellen in der Partei, den Verwaltungen, im Militär zu werden. Menschen gestanden in Schauprozessen die Planung aberwitzigster Verbrechen - vielleicht im Glauben, damit wenigstens ihr nacktes Leben retten zu können. Es hat den meisten von ihnen nichts genützt.
Wolfgang Ruge stammte aus einer kommunistischen Familie, die komplett in die Sowjetunion emigriert war. Den Vater schoben die sowjetischen Behörden später nach Nazideutschland ab, die Mutter und ihr Lebensgefährte waren für die Komintern, die Kommunistische Internationale, tätig. Ehe sie von den Agenten der Geheimpolizei NKWD verhaftet werden konnten, gelang es ihnen in letzter Minute, eine Dienstreise nach Paris zu ergattern: Der Weg in die Freiheit war offen. Zuvor, schreibt Ruge, hätten sie ganze Tage damit zugebracht, auf dem Bett zu liegen und den Mäusen zuzusehen, denen sie Brotkrumen hinwarfen.
Er selber hatte kein Glück: Nach Kasachstan deportiert, später zu Zwangsarbeit und lebenslanger Verbannung verurteilt. Und nicht von der Fahne gegangen.
Wolfgang Ruge: "Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion", Rowohlt, Reinbek, 496 Seiten, 24,95 Euro.