Gotha: Sonderschau auf Schloss Friedenstein zeigt Märchenhaftes

10.05.2012 17:49 Uhr
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Roland Krischke

Kurator Roland Krischke betrachtet in Gotha den Schädel eines Mannes, der im Mittelalter mit dem Richtschwert hingerichtet wurde. (FOTO: DAPD)

Von Andreas Göbel
Im Halbdunkel steht Kurator Jürgen Krischke vor einer Vitrine im Schloss Friedenstein. Hinter dem Glas liegt ein scheinbar grinsender Totenschädel, darüber thront ein präparierter Kolkrabe.
Gotha/dapd. 

Eine klaffende Lücke im Kiefer belegt den gewaltsamen Tod, den der Besitzer des Schädels einst genommen hat. Das am ehemaligen Gothaer Galgenberg gefundene Relikt ist nur eines von rund 250 Exponaten der Ausstellung «Märchenschloss Friedenstein - Gotha erzählt», in der einige der weniger bekannten Glanzstücke aus den Gothaer Sammlungen gezeigt werden.

«Wir haben sehr viele Objekte mit wunderschönen Einzelgeschichten, die aber in normalen Ausstellungen nicht thematisiert werden können», sagt der Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein, Martin Eberle. «Diesen Stücken wollen wir mit dieser Ausstellung Raum geben.» Das Thema Märchen bildet die lose Klammer, die viele kuriose, einzigartige und bedeutende Stücke aus der Sammlung vereint.

Zwtl: Exponate erzählen von fürstlichem Glanz und tiefem Aberglaube

«Schneewittchen wird man hier nicht begegnen, wohl aber dem bösen Wolf», sagt Eberle. Und in der Tat dürfte die Ausstellung beim Betrachter vom wohligen Schauer bis zum Aha-Erlebnis eine Vielfalt von Empfindungen auslösen. In elf Bereiche unterteilt folgt die Ausstellung thematisch dem traditionellen Märchenschema: Von der heilen Welt zu Beginn der Geschichte über diverse Abenteuer und Gefahren bis hin zum versöhnlichen Ende, an dem meist ein Schatz oder eine Heirat warten.

Vom fürstlichen Glanz der Geschichten erzählt zum Beispiel das Büßergewand von Kaiser Maximilian I. (1459-1519), das per Zufall in den Archiven gefunden worden war. Auch die prunkvolle Schokoladentasse, aus der einmal Napoleon getrunken hat, fällt in diese Sparte. Von Reiseabenteuern kündet der Koffer der Gothaerin Hanna Brier, die 1912 eine Atlantiküberquerung auf der Titanic gebucht hatte und dem möglichen Tod nur durch rechtzeitiges Umbuchen entronnen ist.

Ein großer Teil der Schau ist der dunklen Seite von Märchen gewidmet: Kupferstiche von als Alchemisten verkleideten Meerkatzen und von Werwölfen, Traktate über Geister und Teufelserscheinungen, ein Richtschwert oder faustgroße Blasensteine sind ausgestellt. Gemälden von Hexen bei der Herstellung von Hexensalbe wurden originale Protokolle von Inquisitionsprozessen gegenübergestellt, um auch die ernsten Hintergründe ins Gedächtnis zu rufen, wie Kuratorin Elisabeth Dobritzsch sagt.

Zwtl.: Hungerbrötchen erinnert an Krisenzeiten

Ähnliches gelte für das original erhaltene «Hungerbrötchen» von 1771: ein kleines Stück Backwerk, dass seinerzeit für den stolzen Preis von drei Pfennigen verkauft worden sei und das an die vielen Hungerszeiten in der Region erinnern solle.

Von einem besonderen Zauber umgeben scheinen die Exponate aus der Orient-Sammlung der Gothaer Herzöge, darunter ein türkischer Prunksattel und eine Samurai-Rüstung. Und natürlich darf auch ein Verweis auf die Besuche der Brüder Grimm nicht fehlen, die zwischen 1806 und 1813 wiederholt in Gotha Station machten.

Als Maskottchen für die Schau haben sich die beiden Kuratoren für den «Gestiefelten Kater» entschieden. «Jeder Besucher sollte sich wie der Müllersbursche aus dem Märchen fühlen, dem ein ganzes Schloss zu Füßen gelegt wird», erklärt Krischke die Idee mit einem Lächeln. Besonders die Vielseitigkeit der Exponate sei einer der großen Stärken der neuen Sonderausstellung. «So kann hier jeder sein eigenes Märchen finden.»