Gropius-Bau: «Baumeister der Revolution» in Berlin vorgestellt

11.05.2012 21:21 Uhr | Aktualisiert 11.05.2012 21:37 Uhr
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Schabolowka-Funkturm

Der Schabolowka-Funkturm in Moskau von Wladimir Schuchow, 1922. (FOTO: RICHARD PARE)

Von andreas montag
In Berlin werden "Baumeister der Revolution" aus der Sowjetunion vorgestellt. Anfang der 1930er Jahre erklärte Stalin die Moderne für beendet.
berlin/MZ. 

Ach, diese Stalinbauten! Wird über die Architektur der Sowjetunion gesprochen, hat man schnell die prägenden Bilder pompöser, protzig wirkender Repräsentationsgebäude vor Augen: Stein gewordener Machtanspruch. Dabei ist das, was man als Verschmelzung eines klassizistischen Stils mit dem seinerzeit geheiligten Dogma des Sozialistischen Realismus ansehen kann, zunächst in Konkurrenz zur sowjetischen Moderne entstanden und erst nach der politisch gewollten Absage an den Konstruktivismus endgültig durchgesetzt worden.

Den kühnen Entwürfen, die zuvor von den 1920er Jahren bis in die frühen Dreißiger entstanden und zumeist auch realisiert worden sind, nimmt sich jetzt die Ausstellung "Baumeister der Revolution" im Martin-Gropius-Bau Berlin an. Sie konfrontiert zeitgenössische Zeichnungen, Entwürfe und Fotografien mit dem Ist-Zustand der Bauwerke, die oftmals einen vernachlässigten, ja sogar verwahrlosten Eindruck machen - was ihnen freilich nichts von ihrer Schönheit und Würde nimmt.

Dem britischen, in den USA lebenden Architekturfotografen Richard Pare ist die einzigartige bildliche Dokumentation der gebauten Träume einer neuen Zeit zu danken, die in direkter Nachbarschaft zur westlichen Moderne stehen.

Paradox und tragisch mutet freilich an, worauf der 1949 geborene französische Architekturhistoriker Jean-Louis Cohen in seinem Beitrag für das ausgezeichnete Katalogbuch (Mehring-Verlag) hinweist: Die westliche Rezeption der sowjetischen Avantgarde nahm gerade dann, Anfang der 1930er Jahre, eine größere Dimension an, "als in der UdSSR eine rückschrittliche Entwicklung ihren Anfang nahm".

Westliche Zeitschriften waren damals aufmerksam geworden auf die sowjetische Architektur im Wirkungsfeld der großen Städte. Später, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg und die Barrieren des nachfolgenden Kalten Krieges, sind diese Zeugnisse modernen Denkens und Bauens in der öffentlichen Wahrnehmung ebenso marginalisiert worden wie es vielen ihrer Schöpfer ergangen ist.

Die Berliner Schau zeigt anhand einer Vielzahl von Zeugnissen, wie unmittelbar die Konstruktivisten das nachrevolutionäre Zeitalter als Aufgabe und Aufbruch begriffen. Ein Star der Ausstellung ist ohne Zweifel der Schabolowka-Funkturm von Wladimir Schuchow in Moskau. 1922 errichtet, war der heute noch betriebene Turm, der aus sechs übereinandergetürmten Stahlgittersegmenten besteht, das erste technische Großbauwerk, das nach der Oktoberrevolution in Russland entstand.

Und auch wenn der Funkturm in der Folge als Ikone sozialistischer Überlegenheit ideologisch überhöht worden ist, hat er doch nichts von seiner Eleganz und futuristischen Strahlkraft eingebüßt.

Ebenso eindrucksvoll und modern ist der Zentrosojus-Komplex ausgefallen, der in den 20er Jahren ursprünglich für den Zentralverband der Konsumgenossenschaften geplant worden war, dann aber vom Volkskommissariat für Leichtindustrie übernommen wurde.

Die Gebäude, drei rechtwinklige Büroblocks mit Glasfassaden sowie der halbrund zur Straße hin vorgewölbte Arbeiterklub mit Auditorium, gehen wesentlich auf einen Entwurf von Le Corbusier zurück, der als einer von drei ausländischen Architekten zu dem Wettbewerb eingeladen worden war. Der Austausch mit dem Westen galt damals längst noch nicht als anstößig, sondern war selbstverständlich. Erst mit dem von Stalin selbst betriebenen Zurückdrängen der Moderne, die in ihrer kreativen Wucht immer weniger zu seiner dogmatischen Politik passen wollte, gerieten auch Größen wie Le Corbusier, Erich Mendelssohn oder Walter Gropius in die Schusslinie der kommunistischen Ideologen und wurden in der sowjetischen Presse heftig angegriffen.

Der Traum von aufregenden, dabei aber sachlichen, den Menschen zugewandten Bauten war in Verdacht geraten. Besser sollte es fortan scheinen, mit Säulenpracht und behäbiger Wucht einem uniformen Schönheitsideal zu huldigen. Hier war für die Kühnheit und Freiheit moderner Entwürfe kein Platz mehr, wie sie sich in Industrie- und Wohnbauten, zumal aber auch in Klubhäusern für die Arbeiterschaft, manifestiert hatten. Nach all den Jahren sind viele der wunderbaren Häuser zwar vom Verfall gezeichnet, aber unübersehbar. Und werden vielleicht noch eine große Zukunft haben.

Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, bis zum 9. Juli, Mi-Mo 10-19 Uhr, Di. nach Pfingsten geöffnet., Eintritt 10 Euro, ermäßigt 7 Euro