Händel-Festspiele: Eine von vielen «Messiah»-Wahrheiten

03.06.2012 22:51 Uhr | Aktualisiert 03.06.2012 23:01 Uhr
Drucken per Mail
Händel

Händel komponierte den «Messiah» 1742 in Dublin. (FOTO: ARCHIV)

Von manuela schreiber
Ein Leben im Schnelldurchlauf: Ankündigung, Geburt, Wirken, Sterben und - weil es sich um Jesus Christus handelt - Auferstehung und Verherrlichung in zweieinhalb Stunden.
Halle (Saale)/MZ. 

Nicht erzählt, sondern in der intensiven musikalischen Schreibart eines Händel, der ganz genau auf der Affektenklaviatur seiner Zeit zu spielen wusste, entstand das Oratorium "Messiah" - bis heute ein Meisterwerk am Zenit der barocken Ära. Konnte nun die Aufführung mit dem Dunedin Consort and Players am Freitagnachmittag als Referenz-Konzert gelten?

Ja und auch nein. Denn viele Wahrheiten, den "Messiah" zu interpretieren, stecken im Stück selbst und in seinem Schöpfer, der dieses in schwindelnd kurzer Zeit entstandene Werk stets den jeweiligen Gegebenheiten anpasste. Das Publikum in der dicht gefüllten Marktkirche jedenfalls bekam erstmals in Halle die Gelegenheit, die Uraufführungsfassung von 1742 zu erleben. Für Wohltätigkeitszwecke in Dublins Neale's Music Hall hatte Händel sie erstellt.

Ein kleiner Chor stand nur zur Verfügung. Ihm stellte er neben den Solisten ein Streichorchester samt Basso continuo ohne Holzbläser sowie in wenigen Nummern Pauken und Trompeten zur Seite. Genauso präsentierte das preisgekrönte Ensemble aus Großbritannien den barocken Superhit.

Das Dunedin Consort und Players setzt sich aus professionellen Sängern zusammen, die je nach Projekt mit Instrumentalisten ergänzt werden. Nach Halle waren sie unter ihrem Leiter John Butt mit zwölf Sängern angereist, von den sechs auch als Solisten agierten. Sie nahmen ganz vorn im Altarraum, rechts und links vom Orchester Aufstellung. Auch wenn sonst für eine Messiah-Aufführung zwischen 50 und 400 Chormitglieder üblich sind, es funktionierte! So perfekt, dass die Ausgewogenheit der Stimmgruppen raumgreifend gelang: jeder ein begnadeter Musiker, jeder ein Solist, jeder auch ein flammender Händel-Interpret. Niemals wirkte der Chorklang dürftig, immer war er hochbeweglich in den Koloraturen, ausdifferenziert im Volumen, das feinstes Piano ebenso wie die ganz großen festlichen Aufschwünge ermöglichte. Die Solisten überzeugten durchweg, besonders jedoch der Tenor Nicholas Mulray mit weichgefasstem Timbre und perfekter Artikulation, der dem Publikum mit einem entwaffnenden Lächeln gegenübertrat. Gleiches Strahlen sprach aus der überwältigend schönen Bassstimme von Matthew Brook, dem warmen schnörkellosen Alt von Clare Wilkinson und dem reinen fokussierten Sopran einer Susan Hamilton. Schwer, etwas herauszuheben, gerieten aber ihre Arie "I knows that my redeemer liveth" genauso wie "He was dispised and rejected" der Altistin zu einem regelrechten Glaubensbekenntnis. Ein großer Abend also, der zeigte, dass es möglich ist, mit zwölf Sängern denselben Effekt zu erzielen wie mit mehreren Hundert. Entscheidend sind Akribie, Präzision und unbedingte Hingabe.