Hintergrund: Günter Grass - Der Widerborstige

04.04.2012 15:02 Uhr
Drucken per Mail
Günter Grass

Schriftsteller Günter Grass gestikuliert während eines Gesprächs. (FOTO: DPA)

Von Susanne Gabriel
Er hat wieder einmal für einen Skandal gesorgt: Günter Grass wirft Israel in einem in mehreren Zeitungen veröffentlichten Gedicht vor, den Weltfrieden zu gefährden. Was seine politische Überzeugung angeht, hat der Literaturnobelpreisträger noch nie ein Blatt vor den Mund genommen:
Berlin/dapd. 

Er sprach sich 1990 gegen eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und für eine Konföderation aus, er kritisierte 1997 die Asylpolitik der Bundesregierung als «demokratisch abgesicherte Barbarei», er unterstützte seinen Kollegen Martin Walser, als diesem wegen seines Buches «Tod eines Kritikers» Antisemitismus vorgeworfen wurde.

Den «politischen» Grass gibt es seit 1955: Damals kam der Künstler erstmals mit der «Gruppe 47» in Kontakt. Zusammen mit anderen Literaturschaffenden machte er es sich zur Aufgabe, die deutsche Vergangenheit literarisch aufzuarbeiten. Als Wegbegleiter von Willy Brandt war er lange Mitglied der SPD, auch nach seinem Austritt Anfang der 1990er Jahre unterstützte er die Partei. Dass er jahrzehntelang verschwieg, in den letzten Kriegsjahren eine Zeitlang Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, nahmen ihm später viele übel. Er sei damit als moralische Instanz beschädigt, hieß es nach dem späten Eingeständnis des Schriftstellers in seinem 2006 erschienenen Buch «Beim Häuten der Zwiebel».

Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, im Vorort Langfuhr führten seine Eltern ein Kolonialwarengeschäft. Und die kaschubisch-polnische Abstammung seiner Mutter wurde für Grass zu einer zentralen kreativen Kraft. Das Verhältnis zum Nachbarland war immer wieder Thema seiner Bücher; viele seiner Bücher sind in polnischer Übersetzung erschienen; 2009 erhielt Grass die Ehrendoktorwürde der Universität Danzig.

Zwtl.: Späte Versöhnung mit Reich-Ranicki

Auch in Deutschland ist - trotz seiner politischen Widerborstigkeit - die Zahl der Bewunderer Grass' deutlich größer als die seiner Kritiker. Der Schriftsteller hat sich nie darauf beschränkt, seine Geschichten ausschließlich mit Worten zu erzählen. Das Multitalent hat sich auch einen Namen als bildender Künstler gemacht, illustriert seine Bücher zum Teil selbst, betätigt sich als Zeichner und Grafiker. «Die Blechtrommel», 1959 erschienen und Grass' literarischer Durchbruch, gilt nach wie vor als eines der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegszeit.

Die Leser lieben ihn, so gut wie alle seiner Bücher wurden Bestseller. Die Literaturkritik war nicht immer gnädig. Grass' Roman «Ein weites Feld» wurde 1995 ziemlich ungnädig aufgenommen. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete ihn in einer Titelgeschichte des «Spiegels» als «total missraten» - daraufhin herrschte jahrelang Funkstille zwischen den beiden Männern.

Die Wende setzte 1999 mit dem Literaturnobelpreis ein. Und als 2005 das Werk «Im Krebsgang» erschien, war er wieder der Liebling der Kritiker und schien versöhnt mit dem Zeitgeist. Die gefeierte Rückkehr des «Erzählers Grass» verband sich mit dem Bruch eines vermeintlichen Tabus - der Darstellung von deutschen Opfern des Zweiten Weltkriegs. - und mit dem Wiedersehen alter Bekannter aus der literarischen Welt rund um Danzig: Tulla Pokriefke tauchte schon in «Katz und Maus» (1961) und in den «Hundejahren» (1963) auf und fand auch ihre Erwähnung in der «Rättin» (1986).

Nicht nur in Deutschland, sondern auch international löste Grass dann nach dem Waffen-SS-Geständnis heftige Empörung aus. Seine früheren kritischen Äußerungen über eine mangelhafte Vergangenheitsbewältigung in Deutschland wurden ihm um die Ohren gehauen. Auf den Hauptvorwurf, er hätte diesen Teil seiner Biografie schon viel früher erklären müssen, antwortete Grass: «Diese Kritik muss ich wahrnehmen, und es ist eine, die ich mir selber stelle.»