Ob die Haare von Maya Vidal tatsächlich blond sind, weiß sie nicht einmal mehr selbst. Sie färbt sie sich regenbogengrell und immer wieder anders. Ein Ring in der Nase und Tattoos komplettieren ihr schrilles Aussehen. Sie ist ein gefallenes Mädchen, das nicht allen gefällt. Von ihrer Mutter wurde sie früh verlassen, ihr Vater gab sie umgehend zu den Großeltern, weil er sich in seiner Lebenslust nicht stören lassen wollte.
Die Oma war vor der chilenischen Diktatur nach Kanada emigriert, wo sie im afroamerikanischen Astronomieprofessor Paul einen Bilderbuchmann fand, mit dem sie 30 Jahre in Kalifornien zwischen phlegmatischen Hippies und gnadenlosen Feministinnen eine reiselustige Idealgemeinschaft lebte. Nur die Kindererziehung ist ihr irgendwie entglitten. Vielleicht begann alles schon in der alternativ den Druck vermeidenden Schule mit Lehrerinnen ohne BH und Schuhe. Vielleicht war dann mit 16 der "Tsunami der Gefühle" einfach zu heftig, zumal damals auch der Großvater starb und die Familie weiter zerbröselte.
Erst war sie in Berkeley eine durchaus gute Schülerin, dann aber kamen Gothic Style und zwielichtige Freundinnen. Es ging abwärts: Erst vergewaltigt von einem Trucker im schäbigen Motelzimmer, dann mit falschem Pass als Kriminelle in Las Vegas, schließlich im sozialen Abseits. Sie ist 19 und ganz unten. Und eine ideale Romanfigur für Isabel Allende.
Mit dem Temperament Südamerikas wendet sie die Geschichte dieser Schwester im Geiste zu einem schnoddrigen Erziehungsprogramm und macht sie zur Projektionsfläche ihres Gutmenschentums. Folklore, skurrile Personage, chilenische Geschichte und die Macht des Weiblichen bringt sie dazu in Stellung. "Nichtstun ist etwas für Männer." Dinge passieren, damit sie zum Guten gewendet werden können.
Weil sie ihren Plot diesmal auch mit Krimi-Elementen garniert, wird die gebeutelte Maya Vidal am Romanbeginn von FBI, Interpol und einer Verbrechergang aus Las Vegas gesucht. Also muss sie weg und landet wie zur Quarantäne auf der kleinen Insel Chiloé beim dort in Askese lebenden Manuel Arias, der haust wie im Mittelalter. Hier schlägt Maya ein wie eine Bombe. Drogen, Internet, Telefon sind ihr verwehrt. In ein Tagebuch soll sie ihre Lebensgeschichte ergießen: Erzählen als Therapie. Also plappert sie wie ein Wasserfall. Das liest sich wie das Stimmengewirr einer durcheinander eifernden Frauenrunde und puzzelt sich mühsam und erst nach vielen Redundanzen zusammen. Das schweift weit, wird lang und länger, eh es auf den Punkt kommt und ihn umspielt und zu einer neuen Variation des zentralen Themas der Isabel Allende wird: Wie umgehen mit Heimatverlust, Exil und Verbannung, auf dass sie einen schließlich in den Bann ziehen?