Nachbildung von Rousseaus Grabinsel in den Wörlitzer Anlagen. (FOTO: KLITZSCH)
Paris im Oktober 1775: Louise und Franz, das junge Dessauer Fürstenpaar, suchen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), den populärsten Philosophen seiner Zeit. Rousseau, den Denker der Natur. Den Verteidiger des Gefühls und der Einfachheit. Den radikaldemokratischen Kritiker der Adelsherrschaft. Den Stichwortgeber der Empfindsamkeit, dessen Weltanschauungsromane "Julie oder Die neue Heloise" (1761) und "Emile oder über die Erziehung" (1762) Bestseller sind.
Es ist die 25-jährige Louise, die es zu Rousseau zieht, dessen Bücher sie liest, dessen Weltsicht sie teilt: die Abwendung von der als sittlich verkommen erlebten Gesellschaft, die Feier der Natur und des Einsiedlerlebens. Der Fürst soll sie begleiten, darum hatte sie gebeten. Franz von Anhalt-Dessau, 35, der Schöpfer der Wörlitzer Anlagen, des aufgeklärten Musterstaates an der mittleren Elbe. 1774 hatte er in Dessau mit dem "Philanthropinum" eine epochemachende Reformschule gegründet, die ihren naturnahen, seinerzeit freien Erziehungsplan Rousseau verdankt.
Die Dessauer sind unter falschem Namen unterwegs. Äußerlich Bildungstouristen, denen ein Parfumeur den Weg zu Rousseau weist, wie Louise in ihrem Tagebuch notiert. In einem "kleinen, schlechten Hause" lebe der Philosoph zur Miete, teilt der Duftmischer mit, dritter Stock. Der einzige Luxus, den sich die Dessauer leisten, ist ein "Mietlaquai": eine Servicekraft also, die dem Pärchen vorauseilt. In ein ärmliches Haus, in das eine "schmale, von Rauch schwarze, schmutzige Treppe" hinaufführt. Der Lakai klopft an, ihm öffnet die Wäscherin Thérèse Levasseur (1721-1801), mit der Rousseau seit 30 Jahren in freier Ehe zuammenlebt. Ein mittelloser Mann, der vom Kopieren von Noten und spendablen Besuchern lebt.
Den Dessauern kommt der 63-Jährige, der in diesen Tagen an den "Träumereien des einsamen Spaziergängers" arbeitet, bis zur Stubentür entgegen. "Er war freundlich, sein Blick hatte nichts, was mich schreckte oder furchtsam machte." Um der unangemeldeten Besichtigung des berühmten Zeitgenossen einen Sinn zu geben, fragt die Fürstin, ob dieser nicht "eine gute Musicalie" im Angebot hätte. Rousseau verneint das. Ein Smalltalk beginnt, der Louise viel Zeit zum Beobachten lässt. Die Wohnung: "schlecht, sehr klein, aber doch reinlich". Die Augen des Philosophen, der nun schon seit Jahren unter Verfolgungswahn leidet: "voller Feuer", frei von "Menschenfeindlichem" und "Bitterkeit". Einmal gelingt es der Fürstin, Rousseau aus seiner Routine zu reißen, als sie erwähnt, dass sie ihren sechsjährigen Sohn nach seinen Ideen erziehe. Unnütz seien die Erziehungsschriften, auch seine eigenen, erwidert der. "Denn die Natur gab den Eltern ein Gefühl, das genügt, um ihre Kinder zu erziehen." Nach einer halben Stunde ist der Besuch beendet. "Sehr zufrieden" sei sie, notiert die Fürstin. Auch, "weil ich es vorher so sehr gewünscht hatte".
Was war es, das Rousseau so anziehend machte? Diesen Sohn der Stadt Genf, die seine Werke verbrannte. Den Denker, der nach zwei abgebrochenen Berufsausbildungen als Philosoph ein Autodidakt war. Es war das aufrührerische Denken, das begeisterte, rücksichtslos gegen jeden Mainstream. Erstmals frei von theologischen und metaphysischen Verbeugungen. Statt dessen: die Verkündung von Freiheit, Unmittelbarkeit und Spontaneität. Die Fähigkeit, Bücher zu schreiben, die mit pointierten Thesen überraschen. Lauter Eins-A-Sätze: "Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch überall in Ketten." (Contrat Social) "Ein Kind macht die ernsthaftesten Sachen, indem es spielt." (Èmile) "Eine echte Demokratie hat es nie gegeben und wird es auch niemals geben."
Berühmt ist heute der Slogan "Zurück zur Natur", den Rousseau so wörtlich nie äußerte und schon gar nicht buchstäblich gemeint hätte. Natur meint bei Rousseau nicht die Feier eines fröhlichen Biobauerntums, sondern die Formel für einen Denkraum abseits der Gesellschaft. Einen Ort der Besinnung auf die eigene "Natur": die eigenen Wünsche und Gefühle.
Der Fürstin war diese Denkart eine Reise wert. Und dem Fürsten - bei aller Distanz zum politischen Rousseau - ein Denkmal. Das ließ Franz fünf Jahre nach dem Tod des Philosophen in den Wörlitzer Anlagen schaffen: die Nachbildung von Rousseaus Grabinsel im Park von Ermenonville bei Paris. Die Würdigungszeilen verfasste Franz höchstselbst: "Dem Andenken J. J. Rousseau / Bürgers zu Genf / der die Witzlinge zum gesunden Verstand / die Wollüstigen zum wahren Genuss / die irrende Kunst zur Einfalt der Natur / die Zweifler zum Trost der Offenbarung / mit männlicher Beredsamkeit zurückwies." Über den "Trost der Offenbarung" ließe sich streiten. Nicht aber darüber, dass der Garten des Fürsten eine "Natur" zeigt, die wie keine zweite hierzulande zum Studium der Bücher des heute vor 300 Jahren geborenen Jean-Jacques Rousseau anregt.