Jürgen Klinsmann. (Bild: dpa)
Es mag noch andere Gründe für die extreme Gelassenheit des Jürgen Klinsmann geben: In den nächsten Tagen steht kein Spiel an, und das letzte Match hat seine Mannschaft gewonnen. 1:0 gegen Italien. Seine Mannschaft - das ist seit 2011 das US-Fußballnationalteam. Im amerikanischen Fußballverband ist Klinsmann zurzeit damit beschäftigt, vieles umzukrempeln. Wieder einmal. Er will neue Strukturen schaffen in jenem riesigen Land, wo der Fußball, der "Soccer", immer noch eine Nischensportart ist. Klinsmann will den Fußball in den USA bis zur nächsten WM 2014 in Brasilien voranbringen.
Mit Jürgen Klinsmann sprachen Martin Scholz und Uwe Vorkötter.
Herr Klinsmann, angenommen, in nicht allzu ferner Zukunft treffen die deutsche und die US-Nationalmannschaft aufeinander. Die deutsche National-Hymne wird zuerst gespielt. Wie reagieren Sie in dem Moment - stehen Sie auf und singen mit?
Klinsmann: Das kann ich Ihnen gar nicht so genau sagen. Es dürfte mir schwer fallen, die deutsche Nationalhymne in so einem Moment nicht mitzusingen. Das mache ich eigentlich automatisch. Ich habe sie jedenfalls immer mitgesungen, als Spieler und auch als Trainer. Warum nicht auch in so einer Situation? Es muss ja nicht mit dem Spiel selbst zu tun haben.
Und im Anschluss singen Sie die US-Hymne?
Klinsmann: Die muss ich erst noch auswendig lernen. Einen Großteil der US-Hymne kenne ich natürlich. Sie ist einfach wunderschön. Ich finde es klasse, dass die Amerikaner ihre Hymne vor jedem größeren Sport-Event in den Profi-Ligen spielen. Das ist für sie eine Selbstverständlichkeit.
Sie meinen, die Amerikaner haben eine unverkrampftere Haltung zu ihrer Hymne als die Deutschen zu ihrer?
Klinsmann: Die Amerikaner haben eine sehr enge Bindung zu ihrer Hymne. Und das gefällt mir.
Sie leben - mit Unterbrechungen - seit 14 Jahren im kalifornischen Huntington Beach. Haben Sie einen US-Pass?
Klinsmann: Nein, ich bin nach wie vor Deutscher, habe lediglich eine Green Card. Aber ich könnte jederzeit den amerikanischen Pass anfordern, weil ich ja schon so lange hier lebe. Das wäre kein Problem. Meine Kinder haben den deutschen und den amerikanischen Pass. Meine Frau hat einen US-Pass.
Ihr schwäbischer Landsmann, Hollywood-Regisseur Roland Emmerich, sagte einmal, er habe deshalb den US-Pass beantragt, um auch in den USA wählen zu können. Wäre das für Sie ein Grund?
Klinsmann: Ich bezweifle, dass es für mich ein entscheidender Grund wäre. Aber es ist sicherlich ein guter Grund. Bis jetzt fehlte mir einfach der nötige Schub, den US-Pass zu beantragen. Was nicht heißt, dass ich es nicht irgendwann doch mal machen werde.
Gibt es etwas an Ihnen, das amerikanisch ist?
Klinsmann: Ich habe sicherlich amerikanische Eigenarten angenommen. Die direkte Art, wie ich Dinge angehe beispielsweise. Ich passe mich da meinem Umfeld hier an.
Wenn man wie ich im Orange County wohnt, in einer Surfergegend an der Pazifikküste, ist der Lebensstil sowieso grundsätzlich positiver ausgerichtet. Alles ist ein bisschen relaxter als beispielsweise in Downtown Los Angeles.
Surfen Sie denn im Pazifik?
Klinsmann: Ich habe es schon ein paar Mal probiert, dann aber wieder damit aufgehört.
Warum?
Klinsmann: Weil ich mehr am Schwimmen als am Surfen war. Hinzu kommt, dass der Pazifik bei uns ziemlich kalt ist. Da muss man schon ein Freak sein, um sich da in die Wellen zu stürzen. Ohne Neopren-Anzug hältst du das nicht lange aus.
Sie trainieren jetzt seit Juli 2011 die Fußballnationalmannschaft der USA, wo die Sportart immer noch nur am Rande wahrgenommen wird. Was reizt Sie an der Sisyphus-Aufgabe, den Fußball in Amerika populär und erfolgreich zu machen?
Klinsmann: Mich reizt, dass die Fußballwelt in den USA ganz anders ist als die in Deutschland, mein jetziger Job ist nicht zu vergleichen mit dem als DFB-Trainer. Das können Sie an den Distanzen erkennen, die ich überwinden muss. Mein Verband sitzt in Chicago, mein Präsident in New York, meine Spieler sind in Europa oder in Mexiko aktiv, und ich selbst bin in Los Angeles. Dort ist eigentlich auch das Trainingszentrum. Aber da bin ich selten, weil außer mir fast niemand dort ist.
Klingt anstrengend - als müssten Sie überhaupt erst Strukturen für einen Verband schaffen.
Klinsmann: Die USA sind, was den Fußball betrifft, immer noch im Aufbau. Gerade das macht es für mich so faszinierend. Weil ich hier in den USA etwas entwickeln und gestalten kann. Darüber hinaus konnte ich feststellen, dass die Amerikaner dem Fußball immer mehr Aufmerksamkeit schenken, weil sie erkannt haben, dass dieser Sport eine ganz globale Strahlkraft hat.
Jetzt reden Sie fast wie ein Ethnologe.
Klinsmann: Aber so ist es. Die Amerikaner wollen wissen, welche Rolle spielt denn dieser Fußball im Rest der Welt. Und warum sind jetzt auf einmal Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft so wichtig für ihr Nationalteam: Spieler mit mexikanisch-amerikanischem oder deutsch-amerikanischem Pass.
Die New York Times hat jetzt für jene Spieler mit deutschem und amerikanischem Pass den schönen Begriff "germericans" erfunden. Schwingt da Sorge mit, dass Sie zu viele Deutsche ins US-Team holen?
Klinsmann: Nein. Ich sehe das eher als ein Herantasten der intellektuellen Zeitungen an ein Phänomen, dass sie so bisher nicht kannten. Die US-Medien entdecken jetzt, dass der Fußball seine eigenen Regeln hat, dass er globaler, offener und durchlässiger ist. Fußball ist ein multi-kultureller Mannschaftssport. Das hat Deutschland bei der WM in Südafrika mit Spielern wie Podolski, Khedira oder Özil gezeigt. Die Stärken dieser multikulturellen Mannschaften sind für Amerikaner ein neues Phänomen.
Was schon kurios ist für ein so großes Einwanderungsland wie die USA.
Klinsmann: Aber so ist es. Jedenfalls wird die Spielergeneration, die jetzt in das US-Team kommt, das Bild der Nationalmannschaft prägen und auch verändern. Das spüren die Amerikaner. Im Fußball haben die Amerikaner eben nicht diese Erfolgsgeschichte und dieses Selbstvertrauen, das sie in Basketball haben. Sie träumen aber davon, mal bei einer WM in die Top Vier vorzudringen. Wenn das passiert, dann steht das Land Kopf.
Ist das auch Ihr Traum?
Klinsmann: Ich habe eher Ziele als Träume. Das Ziel ist, Stück für Stück nach vorne zu kommen. Am Ende werde ich hier genauso am Erfolg gemessen wie bei allen anderen Aufgaben auch. Hätte Deutschland 2006 gegen Argentinien beim Elfmeterschießen verloren, wäre ich weg vom Fenster gewesen. Dann hätte keiner gesagt: Der Klinsmann muss bleiben.
In Deutschland wird der Fußball von der Politik umgarnt. Wie ist das in den USA? Da hatte sich zuletzt zwar Bill Clinton darum bemüht, die WM 2022 ins Land zu holen - allerdings vergeblich.
Klinsmann: Ja, er war Chef des Organisationskomites. Clinton ist fußballinteressiert. Seine Tochter Chelsea spielte selbst. Die Führungsschicht in den USA weiß, was der Fußball bewegen kann, dass er in die Gesellschaft hineinwirkt und Türen öffnet - in die Wirtschaft, in die Politik. Ich finde es klasse, wenn Staatsoberhäupter wie Angela Merkel Interesse am Fußball zeigen. Das hat Gerhard Schröder zuvor auch gemacht, Kohl ebenso.
Im Juni 2011, noch vor Ihrer Verpflichtung zum US-Nationalcoach, waren Sie Gast auf einem Abendessen im Weißen Haus zu Ehren von Angela Merkel. Welche Türen hat Ihnen der Fußball da geöffnet?
Klinsmann: Frau Merkel hatte mich kurz Präsident Obama vorgestellt. Sie sagte, dass ich der ehemalige Trainer von Deutschland bin. Es war nicht so, dass Obama und ich uns großartig ausgetauscht hätten. Aber ich saß am Tisch unter anderem mit Daniel Liebeskind, der Ground Zero mit gestaltet hat. Das war ein schönes Erlebnis, denn mit solchen Leuten komme ich auch nicht alle Tage zusammen.
Obama zeigt sich auch nicht mit Ihnen, um im Wahlkampf zu punkten?
Klinsmann: Nein, ganz bestimmt nicht. Aber auch in den USA ist die Verbindung zwischen Sport und Politik sehr eng. Die erfolgreichen Mannschaften von allen Sportarten werden am Ende einer Saison ins Weiße Haus eingeladen.
Herr Klinsmann, wie unterscheidet sich der Fußball, den Sie noch selbst gespielt haben, von der Variante, die Sie heute trainieren?
Klinsmann: Das Spiel hat sich seit meiner Zeit schon dramatisch verändert. Die Anforderungen sind viel komplexer geworden. Die Rollen, in die heute 19-jährige Spieler reinwachsen müssen, können sie gar nicht ausfüllen. Sie sollen gut vor der Kamera wirken, intelligent sein und Bescheid wissen, was im Alltag abläuft. Wir erwarten Dinge, die verrückt sind. Zu meiner Zeit dachte ein Stürmer nach einem Ballverlust noch: "Ist doch nicht so schlimm, ich hab ja noch acht Leute hinter mir."
Wie würden Sie reagieren, wenn heute jemand so auf den Platz geht?
Klinsmann: Das geht gar nicht mehr. Ich erwarte von meinem Stürmer, dass er einem verlorenen Ball sofort nachjagt. Das Spiel an sich ist schwieriger und komplexer geworden. Das Umfeld aber auch. Ich wäre als junger Spieler völlig überfordert gewesen, mit so einem komplexen Mediensystem umzugehen. Ich hatte Zeit zu lernen, und ich hatte Leute an meiner Seite, die mir auch mal einen auf den Deckel gegeben haben, wenn ich abgehoben bin.
Sie sind jetzt 47, für einen Nationaltrainer ist das noch ziemlich jung. Hilft Ihnen das, diese neue Generation von jungen Spielern zu motivieren, zu lenken?
Klinsmann: Es ist schon eine Herausforderung, weil die alle auf eine andere Art kommunizieren. Ich habe es jetzt mit einer Twitter- und Facebook-Welt zu tun.
Fällt Ihnen das schwer?
Klinsmann: Ich mache immer einen Schritt nach dem anderen. Ich bin zum Glück ein neugieriger Mensch, spreche mit allen, frage sie, wie sie das handhaben. Bei manchen Spielern weiß ich inzwischen: Ich muss erst mal eine SMS schicken, damit ich sie überhaupt bewegen kann, das Telefon abzunehmen.
Zum Schluss die wichtigste Frage: Wer wird Europameister?
Klinsmann: Da habe ich alle Hoffnung, dass es Deutschland diesmal schafft. Zum einen, weil Spanien vielleicht nicht mehr ganz so hungrig ist wie in den letzten Jahren. Zum anderen aber auch, weil unsere Mannschaft inzwischen bereit zu sein scheint, sich soweit zu quälen zu wollen und alle Energien abzurufen.
Und wenn es diesmal wieder nicht klappt? Könnte dann nicht eine lange, mentale Blockade folgen? Weil es doch eigentlich bei den letzten beiden Weltmeisterschaften und der EM schon hätte klappen müssen?
Klinsmann: Ich muss Ihnen widersprechen: Es hätte bei den letzten Turnieren keineswegs mit dem Titelgewinn klappen müssen. Im Grunde hätte es nicht mal klappen dürfen.
Wie meinen Sie das?
Klinsmann: In dem Sinne, dass es nicht verdient gewesen wäre. Spanien war mit Abstand die beste Mannschaft. Meiner Ansicht nach hätten wir den Titel bis jetzt nicht verdient. Ich glaube aber, dass wir jetzt eine Mannschaft zusammen haben, die so viele unterschiedliche, starke Facetten hat, dass sie am Ende den Titel wirklich verdient. Ich glaube, dass wir diese innere Überzeugung, diese innere Stärke zeigen müssen, zu sagen: Egal, wer jetzt kommt, wir packen es. Und diese Überzeugung war in den letzten Turnieren gegen Spanien eben nicht da. Nicht bei der EM 2008, nicht bei der WM in Südafrika. Du musst dich quälen, am Ende noch mal den Extra-Sprint einlegen können.
Und wenn es trotzdem nicht klappt?
Klinsmann: Dann wird es dafür Gründe geben. Die kennt ein Trainer dann. Jogi Löw wird es ganz genau wissen. Ich wusste es auch nach jedem Turnier, das ich gespielt habe. Ich wusste auch, warum wir Italien 2006 nicht geschlagen haben. Ich konnte es sofort auf den Punkt bringen. Und um Ihre nächste Frage gleich vorwegzunehmen: Kann man sowas den Medien sagen? Nein! Aber intern? Ja!