Der König (r.) aus «Die goldene Gans» ist ein Profi: Der Schauspieler Ekkehard Schwarz aus Magdeburg spielt gern mit den jungen Talenten des Holzhaustheaters zusammen. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)
"Alle auf die Bühne zur Sicherheitsbelehrung", ruft Sigrid Vorpahl. Nein, sie schreit es. Denn hoch oben auf dem Salzberg 1 bei Zielitz fegt der Wind nur so über das Holzpodest, auf dem ab morgen das Programm der 13. Kalimandscharo Festspiele stattfinden soll. Neben dem Märchen "Die goldene Gans" wird die Komödie "Preußens Schwarzes Schaf oder Der Prinz von Schricke" gegeben.
Beide Stücke stammen aus der Feder von Sigrid Vorpahl, die die nächste Zeit noch eine Menge Salz auf der Haut spüren wird. Noch wird geprobt. In einem halbfertigen Bühnenbild. "Wegen des Windes ist uns das Bühnenbild zusammenkracht", erklärt Vorpahl, die Gründerin des Zielitzer Holzhaustheaters.
Mittlerweile haben sich alle Darsteller der "Goldenen Gans" auf der Bühne eingefunden. Die Augen wegen des blendenden Sonnenlichts zusammengekniffen, die Arme um die umwehten Körper geschlungen. Die 57-jährige Vorpahl ermahnt die Kinder und Jugendlichen, auf umherfliegende Teile Acht zu geben. Und im Fall eines Falles, sich in der Mitte der Bühne zu versammeln. Abgesehen von dem Pfeifen des Windes herrscht auf der Abraumhalde 1 Totenstille. Wie ein Astronaut auf Mondsafari fühlt sich der Besucher. Regen macht das Salz knüppelhart - trotzdem frisst es sich durch die Schuhsohlen.
Der Aufstieg zu der in 45 Metern Höhe gelegenen Spielstätte dauert ungefähr 20 Minuten. 20 Minuten, in denen man sich weit von der Realität des Bördekreises entfernt. Obwohl das 1 800-Einwohner-Dorf Zielitz immer in Sichtweite ist. Das Salz ernährt den Ort. Das Kaliwerk ist der größte Arbeitgeber hier.
Unten in Zielitz befindet sich die originäre Spielstätte des Holzhaustheaters. Von Januar bis April und September bis Dezember wird dort geprobt und gespielt. Im Sommer ist es zu heiß, um in der 18 Meter langen und sieben Meter breiten ehemaligen "Raumerweiterungshalle" aufzutreten. Früher gab es hier eine Annahmestelle für Flaschen, Gläser und Papier. Seit 2002 werden in den Containern ein bis drei Aufführungen im Monat gezeigt. Viel Kindertheater, aber auch Inszenierungen für Erwachsene sind darunter. Vor allem der Bedarf an Kindertheater sei groß, so Vorpahl. Im ungefähr 23 Kilometer entfernten Magdeburg werde nicht so viel für die Jüngsten gespielt, außer die obligatorischen Weihnachtsmärchen. "Liebevoll handgemachtes Theater" stehe zudem hoch im Kurs.
4 000 bis 5 000 Besucher lockt das Amateurtheater im Jahr an. 40 Kinder und Jugendliche und 25 erwachsene Darsteller und Mitarbeiter verbringen teilweise bis zu drei Nachmittage beziehungsweise Abende wöchentlich im Holzhaustheater. Manche kommen sogar aus Magdeburg, Stendal und der Altmark angereist. Wichtig ist der künstlerischen Leiterin des Theaters auch die Ausbildung ihrer Darsteller. Die jungen Akteure im Alter zwischen neun und 16 Jahren bekommen einmal die Woche Schauspielunterricht. Eine Talentschmiede, durch die auch der damals elfjährige Philip Wiegratz entdeckt und für den gierigen "Augustus" in Tim Burtons "Charlie und die Schokoladenfabrik" (2005) besetzt wurde.
Fünf verschiedene Lehrer bilden die Jungen und Mädchen in den Fächern Fechten, Schauspiel und Bewegung aus. Auch Vorpahls Ehemann Bernd ist unter den Dozenten. Er arbeitet als Schauspieler am Theater Magdeburg und hat die technische Leitung des Theaters übernommen.
90 Minuten Unterricht kosten 2,50 Euro. "Das ist billiger als Karussellfahren", sagt Vorpahl, die hauptberuflich als Reporterin für den Mitteldeutschen Rundfunk tätig ist. Die Gemeinde bezuschusst den Unterricht. Genauso wie sie das Holzhaustheater mietfrei zur Verfügung stellt. 2013 bekommt das kleinste Theater Sachsen-Anhalts sogar ein neues Zuhause.
Die Turnhalle einer Schule soll für zwei Millionen Euro umgebaut werden. Die 240 Quadratmeter große Halle wird mit ansteigenden Reihen für 100 Zuschauer, Bühnentechnik und einem Foyer versehen. Das Land steuert 350 000 Euro bei, die Gemeinde Zielitz kommt für rund 1,7 Millionen Euro auf. Unfassbar, wenn man bedenkt, das alles 1993 mit Aufführungen im Garten der Vorpahls vor ihrem Holzhaus (daher stammt der Name des Theaters) begann. Damals brachten die Zuschauer noch ihre Stühle selber mit und mussten dafür eine Mark weniger zahlen.
"Preußens schwarzes Schaf" feiert morgen um 19.30 Uhr Premiere. "Die Goldene Gans" am Samstag um 10.30 Uhr. Tickets unter: 039208 / 24 397