Szene aus dem Film «Die Vermissten». (FOTO: DIEVERMISSTEN.DE)
André Hennicke spielt den Strahlenschutzexperten, der jeden Tag in aseptischen, vielfach gesicherten, hypertechnisierten Räumen die Werte kontrolliert, und etwas von der Todesnähe, in der er ständig arbeitet, in seinen übrigen Alltag mit hinübernimmt.
Anfangs scheint der Film einfach von Lothars normalem Leben zu erzählen, das zwar langweilig und seltsam erkaltet wirkt, aber der Mann ist nicht unsympathisch. Er führt eine Fernbeziehung. Eines Tages erhält er den Anruf seiner Exfrau, mit der er offenkundig seit Jahren keinen Kontakt hatte.
Sie berichtet ihm davon, dass Martha, die gemeinsame 14-jährige Tochter, spurlos verschwunden sei. Lothar begibt sich auf die Suche, erst widerwillig, dann zunehmend energisch, wie fasziniert von einem Rätsel, das sich ihm hartnäckig zeigt, und das er, der Problemlöser, nicht zu lösen imstande ist. Unscheinbare Indizien führen dazu, dass Lothar die Welt mit neuen Augen sieht: Plötzlich ist man sensibel für Kinder am Straßenrand, die zuvor unsichtbar schienen, für Jugendliche, die sich zu kleinen Gruppen zusammenrotten. Eine gewisse Nervosität scheint auf einmal die Verhältnisse zu durchdringen, Blicke bekommen eine andere Bedeutung, Worte und Gesten erst recht. Bald wird deutlich, dass auch andere Kinder auf unerklärliche Weise verschwunden sind.
Gewiss: Man kann in "Die Vermissten" eine Reaktion auf den soziologischen Befund des demografischen Wandels erkennen, auf eine Gesellschaft, in der immer weniger Kinder leben, und die Alten immer später sterben.
Doch "Die Vermissten" greift zugleich ins Arsenal der Erzähl-Archetypen: die historischen Kinderkreuzzüge und das Märchen vom "Rattenfänger von Hameln" etwa. Jan Speckenbachs Debüt ist deshalb weit mehr als die übliche "Visitenkarte" eines Jungregisseurs.
Die Vermissten
Drama, D 2012, Regie: Jan Speckenbach
FSK: ab 12 Jahre
Der Film startet u. a. in der Schaubühne Lindenfels, Leipzig, Karl-Heine-Straße 50.