Leonard Percival Howell, der zwischen 1893 und 1898 (die Angaben schwanken) auf Jamaika geboren wurde und dort 1981 starb, ist bis heute eine rätselhafte Gestalt. Irgendwann zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurde er Seemann. Auf seinen Reisen begegnete er Ideen, die das 20. Jahrhundert geprägt haben: der Psychoanalyse, dem Anarchismus, der Naturbewegung und dem Bolschewismus, den Lehren Ghandis, antikolonialen Befreiungsbewegungen und schwarzen Bürgerrechtlern.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten kehrte Howell nach Jamaica zurück und mixte seinen eigenen Ideencocktail: 1939 gründete er Pinnacle, die erste Rasta-Kommune. Hier entwickelte er eine Art Pseudo-Religion ("Rastafari-Religion"), die viele seiner Landsleute prägte und um 1968 als Reggae den Pop eroberte: Bob Marley war der bekannteste dieser Musiker.
Zu dieser Religion gehören eher krude Gedanken, wie die Anerkennung des äthiopischen Kaisers Haile Selassie als Gottkönig, Erlöser und Nachfahren des biblischen König Salomo: Ras Tafari. Aber genauso konkrete Ideen vom naturnahen, antiimperialistischen, hippiehaften Zusammenleben mit viel Sex und Drogen, aber einem rigiden sozialen System. Das verbietet Homosexualität ebenso wie den Frauen das Tragen offener Haare - die Dreadlocks sind nichts als eine Alternative zum Kopftuch.
In ihrem Buch "Der erste Rasta" erzählte die französische Journalistin Hélène Lee vor zehn Jahren diese Geschichte. Jetzt erzählt sie sie in Filmform, ein Unterfangen, das zunächst gewagt scheint, da es von Howell nur drei Bilder gibt. Doch aus der Not macht sie eine Tugend: Die Verbindung von Archivmaterial und Interviews, der Reise zu Schauplätzen und Weggefährten funktioniert gut. So entsteht eine umfassende Perspektive auf eine unbekannte Figur, die deutlich macht, was bei aller Befreiungswut auch hinter dem Rastafarianismus steckt: Ein anti-aufklärerischer "Reinheits"-Kult, eine Wut gegen alles Westliche, die zumindest Jamaica und manche Rastajünger auf Jahre zurückgeworfen hat.
The First Rasta
Dokumentarfilm, F 2010, Regie: Hélène Lee
fsk: ab 6 Jahre
Der Film startet u. a. im Lux Kino Halle, Seebener Straße 172.