Eric Packer (Robert Pattinson) und Elise Shifrin (Sarah Gadon) in der Stretchlimousine. (FOTO: DPA)
Er spielt den frühvollendeten Wallstreet-Star Eric Packer, der sich in seiner Stretchlimousine quer durch Manhattan zu seinem Lieblingsfriseur chauffieren lässt. Doch eine gewalttätige Antikapitalismus-Demo, Attentatsgerüchte und ein Beerdigungszug bremsen ihn ständig aus.
Auch dem Zuschauer kommt Packers Odyssee bald endlos vor. Der, wie sich zeigt, zu Recht als unverfilmbar geltende Roman von John DeLillo wirkt anfangs wie ein Kommentar zur Bankenkrise und zur Occupy-Bewegung. DeLillos 2004 veröffentlichtes Werk bezog sich zwar auf den Aktien-Crash von 2001. Doch nach der Krise ist vor der Krise: Der Blick aus Packers Limo auf Demonstranten, die, als Ratten verkleidet, einen Protest-Karneval vollführen, erinnert an aktuelle TV-Bilder. Leider entpuppt sich das Drama, das DeLillos artifizielle Dialoge wortwörtlich übernimmt, als hochintellektuelles Kammerspiel, bei dem man nur noch Bahnhof versteht.
Metaphysisches Raunen über das Handwerk der Geldvermehrung
Packer, in seiner gepanzerten Limousine thronend, betrachtet die wirre Welt da draußen wie einen Zoo, in den er kurze Abstecher unternimmt. Meist vertieft er sich in ein immaterielles Universum, in die virtuellen Datenströme rund um den Globus, die er in seinem rollenden Büro per Touchscreen dirigiert. Das Börsen-Wunderkind hat eine milliardenschwere Wette gegen den Yuan-Wechselkurs laufen. Bisher instinktsicher in seinen Analysen beginnt er nun zu zweifeln. Während um die im Stau stehende Limo seine Leibwächter kreisen und auch im Fond ständiges Kommen und Gehen herrscht, werden sowohl der Kurs des Yuan wie von Eric selbst immer unberechenbarer.
Er hat Sex mit seiner Kunsthändlerin und mit einer Leibwächterin, aber nicht mit seiner ihm gelegentlich über den Weg laufenden Gattin, was ihn ärgert. Seine Haus-Philosophin, die ihm Sinn-Lektionen geben soll, sagt Sachen wie „Geld hat seine narrativen Qualitäten verloren und führt nur noch Selbstgespräche“. Auf dem Papier liest sich die literarische Dämonisierung des doch eher banalen Börsengeschehens spannend. Im Film aber verwandelt sich das metaphysische Geraune über das Handwerk der Geldvermehrung in hohles Blabla. Das gilt erst recht, wenn Packer zum Ende seiner äußerst geschwätzigen Nemesis begegnet.
Ein Überflieger auf der Suche nach neuen Kicks
Ganz bei sich ist Cronenberg aber bei der Inszenierung der apokalyptisch anmutenden Atmosphäre und abgründiger Situationen wie zum Beispiel der Rektaluntersuchung, die ein Arzt bei Packer vornimmt. Beiläufig bringt er die dekadenten Details von Packers goldenem Limousinen-Käfig zur Geltung. Auch Stars in Nebenrollen, wie Juliette Binoche als verblühte Geliebte oder Paul Giamatti als Spinner, sorgen für Hingucker. Gar nicht schlecht ist sogar Robert Pattinson, der oft als schauspielerisches Leichtgewicht geschmäht wird, hier aber als „Man in Black“ mit Sonnenbrille und feinem Tuch das Klischee des protzigen Spekulanten bricht.
Der junge Cyber-Kapitalist wirkt wie ein Wesen vom anderen Stern. Tatsächlich beschäftigt sich Überflieger hauptsächlich damit, Muster in den Zahlenkolonnen zu entdecken, um die Bewegungen der globalen Finanzmärkte vorherzusagen. Mit seinem römischen Profil wirkt der Zocker wie ein Halbgott, der unbewusst seinen eigenen Absturz orchestriert. Und wenn Packer die Kontrolle über sein Geld und sein Leben ab- und sich konkretem Schmerz hingibt, wirkt er fast glücklich: ein echter Cronenberg-Moment. Doch auch manch hypnotische Szene kann nicht verdecken, dass dies vorrangig ein Film für ein Filmseminar ist.
„Cosmopolis“
Kanada/Frankreich 2012
108 Minuten
FSK: 12
Verleih: Falcom
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Regie: David Cronenberg
Darsteller: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Samantha Morton, Paul Giamatti u.a.