Kinostart 7. Juni: «Knistern der Zeit»

04.06.2012 10:09 Uhr | Aktualisiert 06.06.2012 22:23 Uhr
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«Knistern der Zeit»

Künstler Christoph Schlingensief (r) mit Diebedo Francis Kere in einer Szene des Kinofilms «Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso» (undatierte Filmszene). Der Dokumentarfilm kommt am Donnerstag (07.06.2012) in die deutschen Kinos. (FOTO: PHILIPP TORNAU/FILMGALERIE)

Von Rüdiger Suchsland
Mit ihrer Dokumentation „Knistern der Zeit“ will Sibylle Dahrendorf zeigen, wie der letzte Lebenstraum des begnadeten Künstlers Christoph Schlingensief auch nach seinem Tod weiterlebt.
Halle (Saale)/MZ. 

Flüge, Autofahrten, weite Steppen, Sonne. Dazwischen Opernklänge, Menschen, die miteinander reden, oft begeistert, manchmal mitreißend, werbend, dann wieder streiten sie sich. Dazwischen Menschen, die sich erklären. Vor allem einer, der energiegeladen und ungemein lebendig wirkt, obwohl er doch schon seit 20 Monaten tot ist.

Aber Christoph Schlingensief (1960-2010), um den es hier geht, ist weiterhin präsent im deutschen Kulturleben, und die Tatsache, dass man sich noch immer schwertut mit der Vorstellung, dass er nicht mehr da ist, zeigt besser, als vieles, was mit ihm verloren ging. Natürlich ist Sibylle Dahrendorfs „Knistern der Zeit“ eine Schlingensief-Dokumentation. Sie lebt von seinem Elan, seinem Charme, davon, dass wir alle ihn hier noch einmal quicklebendig in Aktion erleben können und eine weitere Facette seines Werks kennenlernen. Doch als Film ist dies zugleich das Gegenteil einer One-Man-Show: Ein Dokumentarfilm, wie er sein soll: Nüchtern, kühl, voller Lust an der Beobachtung und eben am Festhalten des Beobachteten. Dadurch entwickelt er schnell einen Sog und eine ganz eigene Poesie.

Das Projekt ist spannend und wahnwitzig genug: Ein Operndorf, ausgerechnet in Afrika. Man wird sich auch nach diesem Film streiten, ob das wirklich sein muss, ob es nicht verrückt ist, gar obszön, oder nicht doch eher genial. Schlingensief hat solche Gedanken natürlich alle mitgedacht. Aber das Denken hat ihn nicht am Tun gehindert. Davon erzählt der Film, hier geht es nicht um Schlingensiefs Krankheit, es geht nicht um die richtige Form von Entwicklungshilfe, es geht um Kunst und um das Glück, das sie bringen kann.

Sibylle Dahrendorfs „Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso“ erzählt die Geschichte des scheinbar unmöglichen Projekts, von den Anfängen 2009 bis zur Schuleröffnung im Oktober 2011. Der Film begleitet Schlingensief hautnah und macht sein Kunstverständnis nachvollziehbar: Kunst für Schlingensief war existenziell, vom Leben nicht zu trennen. Und eine Art Ersatzreligion. Erlösen sollte sie, Trost spenden. Die Provokationen, mit denen er bekannt wurde, waren nur ein Mittel zum Zweck und oft genug auch ein Aufschrei gegen die Gleichgültigkeit der Abgeklärten. All das sieht man hier und begreift es besser. Schlingensief schwebte in Afrika eine „Soziale Skulptur“ vor, in der Kunst und Leben verbunden wären. Sein Operndorf war also keineswegs ein Sozialprojekt, sondern ein Kunstprojekt: Ein Operndorf in der Steppe von Burkina Faso. Alles wurde und wird mit Spenden finanziert. Richtig begonnen erst 2009, als Schlingensief schon schwer krank war. Jetzt, knapp zwei Jahre nach seinem Tod, ist der erste Bauabschnitt des Operndorfs fertig. Und es geht weiter.

Die Grundidee war Kunst und Leben, Oper und Alltag zu vereinen, kein zweites Bayreuth in der Savanne, aber ein Gesamtkunstwerk im Sinne Wagners und eine Erneuerung der von Schlingensief so geliebten Oper, die auch auf die hiesigen Verhältnisse zurückwirken würde: Als „Weg zur Rückgewinnung unserer Kreativität“, wie Schlingensief sagte. Dazu gewann er den renommierten Architekten Francis Kéré, der ein Theater in Form eines Schneckenhauses entwarf, ein Schulgebäude, Wohnhäuser und ringsum eine komplette Infrastruktur mit Kneipen, Hospital und Fußballplatz. Ein bisschen wie ein autonomes besseres Afrika, eine Arche Noah. In Dahrendorfs Film kann man das erleben: Schlingensief, mit wirrem Haar und großen Augen im schmalen Gesicht, erinnert an einen modernen Fitzcarraldo, eine Figur des ihm seelenverwandten Werner Herzog, der Berge versetzt - oder eben Opernhäuser nach Afrika.

Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso

Dokumentarfilm, D 2012,
Regie: Sibylle Dahrendorf
fsk: ohne altersbeschränkung
Der Film startet u. a. in der Schaubühne Lindenfels, Leipzig, Karl-Heine-Straße 50.