Ein Monopoly-Spiel aus dem Jahr 1982 aus der Sammlung von DDR-Kopien von Gesellschaftsspielen von Richard Geis und Martin Thiele. (FOTO: DAPD)
Richard Geis öffnet die Schatzkarte. Er rollt das vergilbte Papier aus und streicht es glatt. Über das Blatt schlängeln sich blaue und rote Linien aus Wasserfarben. Hier ist der Buckingham Palace mit Tusche skizziert, dort die Kirche Westminster Abbey eingezeichnet, da die Tower Bridge angedeutet. Der Plan von London gehört zu einer besonderen Version des Gesellschaftsspiels „Scotland Yard“. Hartmut Göpner aus Hennickendorf bei Berlin hat die Karte vor vielen Jahren gemalt, heimlich. Er legte Backpapier über den Originalspielplan und pauste Straßen, Gebäude und Parks einfach ab. Fertig war die Kopie des Spieleklassikers.
Brett- und Kartenspiele aus dem Westen waren in der DDR unerwünscht. In Geschäften suchte man sie vergeblich. Also schmuggelten Wessis wie Ossis die Gesellschaftsspiele ins Land. Dort vervielfältigten die Bürger sie, es entstanden zahlreiche Unikate. Nach der Wende verschwanden viele davon im Mülleimer - schließlich standen nun die Originale in den Regalen. „Die Menschen hatten und haben kein Bewusstsein dafür, dass sie etwas Besonderes besitzen“, sagt Geis.
Zwtl.: In Chemnitz werden die handgemachten Schätze erstmals gezeigt
Der 26 Jahre alte Filmregisseur will das zusammen mit dem Medienkonzepter Martin Thiele ändern. Die zwei Berliner sammeln Spielekopien und retten sie so vor der Zerstörung. Mehr als 60 Werke besitzen sie inzwischen. Von Samstag (5. Mai) an präsentieren sie ihre komplette Sammlung erstmals der Öffentlichkeit, im Deutschen Spielemuseum Chemnitz. Im Herbst soll eine Ausstellung im Deutschen Spielearchiv Nürnberg folgen. Auslöser für ihr Projekt war ein Ereignis im Dezember 1982.
Damals zeichnete Christel Geithner, die Mutter von Richard Geis, mit Wachsmalstiften auf die Innenseite eines Schnellhefters ein Städtchen, einen Zauberwald und ein Märchenschloss. Aus der Knetmasse Suralin formte sie Tannen und härtete sie im Ofen. Sie zerschnippelte Postkarten und klebte Poesiebilder auf. Aus einem „Mensch ärgere Dich nicht“-Spiel klaubte sie Figuren zusammen und verstaute sie in einer Kaffeetüte. Fertig war das Weihnachtsgeschenk für ihre Kinder. Knapp 30 Jahre später ist es das erste Spiel in der Sammlung von Geis und Thiele: eine Kopie von „Sagaland“.
1981 erschien das Spiel in Westdeutschland, schnell wurde es zum Klassiker. Auf der anderen Seite der Mauer bekamen die Menschen davon nichts mit. „In der DDR gab es praktisch keine komplexen Spiele, keine innovativen neuen Spielformen“, schreibt der Gründer des Deutschen Spielemuseums, Peter Lemcke, in einem Aufsatz. „Zum Spiel gehört auch das Querliegende, Unangepasste.“ Spiel stelle die Mächtigen infrage.
Zwtl.: Über Kirchengemeinden gelangen viele Vorlagen in die DDR
Doch natürlich bewirkten die Verbote wie so oft das Gegenteil. Die Menschen schmuggelten die Originale in den Osten und die DDR-Bürger kopierten sie mit Schere, Buntstiften und Kleber. Vorlagen gab es genug: „Monopoly“, „Malefiz“ und „Vier gewinnt“ oder damals moderne Brett- und Kartenspiele wie „Sagaland“, „Heimlich & Co“, „Kuhhandel“ wurden liebevoll improvisiert.
Die Vorlagen stammten oft aus Kirchenkreisen. „Das hängt unter anderem damit zusammen, dass alle Kirchengemeinden eine Partnergemeinde im Westen hatten“, erklärt Thiele. Dadurch kamen gläubige DDR-Bürger hin und wieder in den Westen und in Kontakt mit den für sie unbekannten Gesellschaftsspielen. Geis und Thiele können sich an die DDR kaum erinnern. „Wir kennen die DDR nur aus unserer frühesten Kindheit. Durch die Spiele bekommen wir ein Gefühl für diese Zeit“, sagt Geis. Er schiebt einen Stapel Kärtchen auf den Tisch. Die Ereignis-Karten sind Teil einer „Monopoly“-Version aus Leipzig. Auf eine Karte ist gekritzelt: „Dein Kind hat sich ein Bein gebrochen, gehe in die Querstraße und bezahle.“ An der Adresse stand früher tatsächlich die Leipziger Kinderchirurgie. Thiele und Geis wünschen sich, dass sie noch viele solche Schätze entdecken.