Künstler: Heimkehr nach Aschersleben für Neo Rauch

01.06.2012 07:48 Uhr | Aktualisiert 01.06.2012 21:13 Uhr
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Neo Rauch wird befragt

(FOTO: SUSANNE THON)

Von Günter Kowa
Der Malerfürst hat der Stadt, in der er aufgewachsen ist, sein grafisches Werk gestiftet.
Aschersleben/MZ. 

Immer noch liegt ein Echo heiter vergangener Gartenschau-Tage über den Blüten- und Gräserrabatten und dem Flanier-Rasen von Ascherslebens Bestehornpark. In dessen Mitte machte die Stadt 2010 zugleich auch bei der Internationalen Bauausstellung bella figura mit dem gezackten Backsteinbau, der in der Handschrift des süddeutschen Renommier-Architekten Arno Lederer die Wandlung einer Industriebrache zur Bildungslandschaft krönte.

Allein, der Ausbau zur „Kreativwerkstatt“ der Ascherslebener Schulen lässt mangels Geldern auf sich warten. Doch seit Freitag findet die Freitreppe am stadtzugewandten Ende des Baus zu einer Bestimmung, von der die Stadt auch den Wandel ihres Images, wenn nicht gar weltweite Beachtung erhofft. Die „Grafikstiftung Neo Rauch“ hat seit gestern die Glastüren zur halben ersten Etage geöffnet. Unverwechselbar in ihren träumerischen Bildwelten, die man aus seinen Gemälden kennt, hängen 39 Druckwerke des Leipziger Malerstars in einem lichten, hellweiß erstrahlenden Ambiente. Die Stadt hat dafür 370 000 Euro ausgegeben, als Gegengabe für den preislich wohl kaum taxierbaren Schatz. Mit ihm zeigt sich ihr großer (Enkel-)Sohn erkenntlich, der in ihren Mauern bei den Großeltern aufwuchs, nach dem Unfalltod seiner Eltern.

Neo Rauch selbst spricht von einer „spiralförmigen Bahn“, die ihn an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurück bringt. Angespornt von einer Schulfreundin und im Gespräch mit dem Architekten sowie Ascherslebens Oberbürgermeister Andreas Michelmann, soll die Idee zu der Schenkung seines gesamten grafischen Oeuvres gewachsen sein. 800 000 Euro haben er und sein nicht minder bekannter Galerist Gerd Harry Lybke über das bisherige Gesamtwerk von 165 Blättern und dem Versprechen aller künftigen hinaus als Grundstock in die Stiftung gegeben, weitere Freunde seiner Kunst und der Stadt sind mit Zustiftungen gefolgt.

Und sichtlich fühlt sich der 52-Jährige auch deshalb freigiebig, weil ihn Ascherslebens sichtbarer, aber schwer erkämpfter neuer Aufstieg beeindruckt. „Die Stadt ist tatsächlich am Blühen“, findet er, und man glaubt ihm seine Hinwendung.

Der Stolz, mit dem die Stadt auf die unverhoffte Morgengabe blickt, ist mit Händen zu greifen. Selbst im wappengeschmückten Folianten des Goldenen Buchs findet sich seit gestern früh ein flott hingeworfenes Selbstporträt des Fürsten der Leipziger Malerschule, und an seinem Revers haftet der „Landesverdienstorden“, für den ihn Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff (CDU) für würdig befindet. Für das Zeremoniell unter der gewölbten, eichenholzgetäfelten Decke im Ratssaal strömen neben Honoratioren auch ein paar Repräsentanten jener gepflegten Boheme herbei, die den Fürsten der Leipziger Schule umgibt. Ein Duo der „Kammerphilharmonie Ascania“ setzt den hermetisch verschlossenen Bildwelten von drei an der Wand aufgehängten Grafiken Rauchs rätselhafterweise die schmachtenden Melodiebögen von Massenets „Meditation“ entgegen, doch Aschersleben wird seine Haltung zur Rausch’schen Zivilisationskritik schon noch finden.

Und das sicher nicht zuletzt über die Frage, wie viel Aschersleben denn in seinen Bilderfindungen steckt. Die geben sich in ihrer weltläufigen Vieldeutigkeit und ihrem breiten Spektrum kultureller Querverweise zwar zu keiner vordergründig örtlichen Vereinnahmung her, aber es ist Rauch selbst, der ihnen jetzt auch Deutungen im Sinne heimatlicher Rückbesinnung gibt. Nicht umsonst sieht man sein in vielerlei Verkleidung agierendes Alter ego auf einer 2010 datierten Kreidelithografie zur „Heimkehr“ streben; über abgeerntete Felder seinem windmühlen-beflügelten Kraftquell entgegen und am Hausaltar kniend. Vor seinen Bildern ist die Suche eröffnet nach den Motiven der Harzlandschaft rings um die Stadt und der Silhouette ihrer Türme. Die sieht man auch in dem gleichnamigen Leinwandbild eine Hauptrolle spielen, das er mit einem zweiten aus seinem Bestand als Leihgabe zur Verfügung gestellt hat, als eine Art Klammer für die 39 für die erste Ausstellung ausgesuchten Grafiken.

„Ich weiß“, sagt er in dem Gespräch, das im Katalog wiedergegeben ist, „dass die Region der Motivlieferant schlechthin ist für alles, was ich tue.“ Von den Horizontlinien des Harzvorlands ist da die Rede, von den Dachformen, Hochspannungsleitungen, schaukelnden Laternen, Telegrafenmasten. „Halbwelten zwischen Bebautem und Unbebautem“, sagt er, finden sich in seinen Bildwelten wieder, alles „was sich da zwischen Ackerland und Vorstadt heranschiebt.“ Und die angereisten Journalisten erinnert er an die „blau schimmernden Berge des Harzvorlands“ als Inspiration für die koloristische Finesse seiner Bilder.

Wie berührend, dass sich das kulturpessimistische Unbehagen, der Fortschritts- und Technikzweifel, der Horror vor Umweltzerstörung und Daseinskrisen, wovon seine Bilder in symbolhaften Zwittergestalten, gewitterhafter Spannung und der alltäglichen Last unerklärlichen Tuns künden, nun gerade nicht in einer traditionsbehafteten Kunstinstitution, sondern im blühenden Aschersleben wiederfindet - gerade recht an einem Ort, wo nebenan junge Menschen ihren eigenen Weg zur Kunst finden wollen. Als die „Beerensammler“ und „Reaktoren“ sozusagen, mit denen zwei seiner Grafiken schon mal den Weg weisen.

Mi-So 11-17 Uhr, an diesem Wochenende bis 19 Uhr. Katalog 29,50 Euro.