Haus des Volkes in Probstzella. (FOTO: KUNSTSAMMLUNGEN GERA/BAUHAUS-ARCHIV BERLIN, CHRISTOPH PETRAS )
Zum Beispiel der "Rote Itting": 1925 beginnt der Unternehmer im ostthüringischen Probstzella ein "Haus des Volkes " zu bauen. Ein Kulturpalast für die Beschäftigten seines 1908 errichteten Elektrizitätswerkes, ausgestattet mit Kino und Kegelbahn, Tanz- und Theatersaal, Bibliothek und Sauna. Motto: "Freudig lebe, aufwärts strebe". Und zwar im Geist der Sozialdemokratie, der Franz Itting (1875-1967) als Parteimitglied angehört.
Die Volksbildungsstätte, die er nach Entwürfen des Saalfelder Architekten Hermann Klapproth an einen Hang setzen lässt, soll als "Stätte freier Kultur und republikanischer Gesinnung" dienen. "Das Entfalten antirepublikanischer Fahnen wird nicht gestattet." Eine Ansage nach links und rechts.
Über seinen Sohn Gotthard lernt Itting den Bauhaus-Studenten Alfred Arndt kennen, der Klapproths Pläne als ungenügend verwirft: "Das müsste man ja alles abkloppen!" Der Unternehmer ist begeistert, zahlt Klapproth aus und stellt Arndt ein, der den Rohbau nach innen in der Formensprache des Bauhauses vollendet und einige Kleinarchitekturen anfügt. Das 1927 eröffnete "Haus des Volkes" ist heute eines der denkwürdigsten und originellsten Zeugnisse der Bauhauskultur, das inzwischen teilrekonstruiert als Hotel und Restaurant betrieben wird. Die Geschichte seines Erbauers, der von den Nazis genauso wie von den DDR-Kommunisten verfolgt wurde, ist romantauglich.
Abstecher nach Halle-Neustadt
Es sind Berichte wie dieser, die das gemeinsam von den Bauhaus-Erbestätten in Weimar, Dessau und Berlin veröffentlichte "Bauhaus Reisebuch" zu einer lohnenden Lektüre machen. Ein Kulturpfadfinder, der eben nicht nur an den allbekannten Bauten entlang führt, sondern dem es sogar an den abgelaufenen Orten Weimar und Dessau gelingt, einige weithin wenig bekannte Gebäude vorzustellen. Denn die von 1919 bis 1933 von Weimar her über Dessau nach Berlin und schließlich in die Welt hinaus geführte Gestaltungshochschule war Ausdruck des Zeitgeistes genauso, wie deren Akteure den gestalterischen Geist der Zeit beeinflussten.
Und zahlreich sind die Bauten, an denen sich Bauhaus-Geschichte abspielte, zahlreicher noch die, an denen Bauhäusler mitarbeiteten - bis zur Ostberliner Stalinallee oder zur Planstadt Halle-Neustadt, jeweils mitgestaltet von Richard Paulick, der von 1925 an Kontakt zum Bauhaus in Dessau hatte und von 1927 bis 1928 Assistent im Architekturbüro von Walter Gropius war.
Auf alles das weist das Reisebuch hin, das nach der gemeinsamen Internetplattform nun das zweite vorzeigbare Ergebnis der Kooperation von Stiftung Weimarer Klassik, Stiftung Bauhaus Dessau und Bauhaus-Archiv Berlin ist, gefördert von der Bundeskulturstiftung. Mehr als 100 Orte werden gut lesbar beschrieben und in feuilletonistisch begleitenden Kürzest-Essays vorgestellt von den Autoren Susanne Knorr (Jena, Weimar, Erfurt, Probstzella), Ingolf Kern (Leipzig, Dessau, Halle) und Christian Welzbacher (Berlin, Bernau). Den Texten gelingt es, den enormen Recherche-Aufwand vergessen zu machen, der diese überhaupt erst ermöglicht haben muss: So leichthändig wie anregend wird der Leser unterrichtet. Historische Bilder und aktuelle Fotografien von Christoph Petras machen die Situationen vor Ort nachvollziehbar; in einer iPhone-App ist eine Variante des Inhaltes kostenlos verfügbar.
Töpfern in Dornburg
Die Idee des Buches ist naheliegend. Und noch immer steckt manches ungeschriebene kleine Reisebuch in diesem großen, das auf Deutsch oder Englisch zu haben ist. Bereist werden vom Theaterplatz in Weimar aus bis zu Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie in Berlin die Haupt- und Nebenstätten der Bauhaus-Kultur, sinnfällig und theoriefern - sozusagen Gropius, vom Kopf auf die Füße gestellt. In diesem Fall auf die Wanderfüße. Man hat jedenfalls nicht wenig Lust, nach dem Durchblättern des Buches schnell einmal nach Probstzella zu fahren oder zur malerisch fotografierten Bauhaus-Töpferei nach Dornburg.
Entdeckungen sind garantiert, sogar für die Auskenner, so feinmaschig ist das Wahrnehmungsnetz: Da ist der von dem Bauhäusler Franz Ehrlich als Häftling gestaltete Schriftzug "Jedem das Seine" in Buchenwald, Ernst Neuferts "Abbeanum" in Jena, die von Richard Paulick errichteten Wohnhäuser Hahn und Naurath in Dessau und am selben Ort das nach Entwürfen von Karl Overhoff erbaute Redaktionsgebäude des sozialdemokratischen "Volksblatts für Anhalt" oder der 1929 / 30 errichtete Garagenpalast in der Berliner Kant-Straße.
Einige gezielte Literaturhinweise wären erhellend gewesen, auch Hinweise auf Quellen, um manche Aussage zu beglaubigen. Der betriebene Aufwand ist doch zu hoch, um ein nach außen hin freihändiges Werk abzuliefern. Aber: Bauhaus-Literatur gibt es in Fülle, ein so nützliches Bauhaus-Buch selten. Ein Bilderbuch, das bildet.