Kulturkonvent: Sprünge im Hamsterrad

Uhr | Aktualisiert 26.10.2012 22:28 Uhr
Konvent-Einstimmung: Antony Hermus dirigiert die Sänger des Anhaltischen Theaters. (FOTO: ALEXANDER BAUMBAUCH) 
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In Wittenberg diskutiert die Gutachterrunde auch ihr Selbstverständnis. Man kann keine Tagespolitik betreiben, will aber auch nicht einfach stumm in der Landschaft stehen.
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Wittenberg/MZ. 

Ja, ist das denn sinnvoll?, fragt Olaf Zimmermann. Ist es denn sinnvoll, den Unmut des Kulturkonvents über die vorgesehene, bislang beispiellose Kürzung des Kulturhaushaltes noch vor Donnerstag auf den Weg zu bringen - also vor der entscheidenden Verhandlung des Nachtragshaushaltes für 2013 im Landtag? Jener Sitzung, in dem die Kürzung des Kulturetats um 5,2 Millionen Euro verhandelt werden soll.

Ein Statement auf die Schnelle also, unter Verzicht auf ein gediegenes Abstimmungs-Prozedere zwischen den Mitgliedern des Kulturkonvents. Ein Papier frisch von Tisch zu Tisch, statt gut abgehangen Tage danach. So nämlich würde es Olaf Zimmermann, der Moderator des Kulturkonvents des Landes, gerne halten. Ein Kulturappell: repräsentativ statt - beinahe - operativ. Einflussarm, aber abheftbar. Aber der Konvent grummelt. Und Zimmermann ist, wie er sagt, zur Rettung des Konventrufes "zu jeder Schandtat bereit".

Selbstverständlich sei das sinnvoll, entrüstet sich Stefan Gebhardt, Kulturpolitischer Sprecher der Linken, der sich bei seiner eigenen Parlamentarier-Ehre gepackt sieht. Selbstverständlich könne eine gezielte Ansprache der Abgeordneten nützen, schließlich seien die doch unabhängig - oder? Gebhardt blickt zu seinem SPD-Kollegen Gerhard Miesterfeldt hinüber, der zurücknickt. Ja, wenn das denn so ist, lenkt Olaf Zimmermann ein. Abstimmung. Auszählung. Keine Gegenstimme. Eine Enthaltung. Die Botschaft: Der Haushalts-Abbau erschwere nicht zuletzt die inhaltliche Arbeit des Konvents, weil Fakten geschaffen werden, bevor dieser sein Gutachten vorlegen kann. So erneuert der Konvent seinen bereits 2011 formulierten Protest. Und das nun nicht erst, wenn das Kind längst im Brunnen liegt.

Wenn man als ein zur Distanz verpflichtetes Fachgremium schon nicht politisch eingreifen kann, dann muss man nicht auch noch zu allen Kulturkrisen schweigen, schon gar nicht, wenn diese die eigene Arbeit beeinträchtigen. Diese Position greift um sich im Konvent, der die Kulturlandschaft begutachten soll, um Empfehlungen für die Landeskultur bis 2025 zu geben. Man will aber nicht mehr das Bild des "zahnlosen Tigers" abgeben, das der Konvent von sich wahrnimmt. Man will nicht als "gescheitert" abgehakt werden, wenn das Kultusministerium in der Kritik steht. Als dessen Handlanger wird man missverstanden. Dass dieses Missverständnis möglich ist, hat aber auch seine Ursachen.

Vielleicht ist es damit vorüber. Jedenfalls war eine Belebung des Gremiums spürbar, das am Montag im Wittenberger Bildungszentrum Lindenfeld tagte. Eine Belebung, die sich auch dem Anhaltischen Theater verdankt, das dem Konvent vorab eine Energiezufuhr bescherte: musikalisch und inhaltlich. Einmal mehr wurde der Protest gegen die Streichung von 205 000 Euro zu Gehör gebracht. Ein Protest, der das Recht immer auf seiner Seite hat. Aber es geht um mehr. Auch darum, wie Kulturkürzungen vorgenommen werden.

Wobei "Kürzungen" ein irreführender Begriff ist. Es geht um Beschädigungen, die mehr kulturellen Substanzverlust als finanzpolitischen Gewinn versprechen.

Diese müssen sehr gut begründet und "kommuniziert" werden. An beidem mangelt es in der Dessauer Sache, wie André Bücker, Chef des Theaters, und Matthias Puhle, neuer Kulturabteilungsleiter im Ministerium, vor dem Konvent hörbar machen. Wie sie sich gegenseitig Unglaubwürdigkeit unterstellen darüber, wer wann worüber informiert worden sei. Bücker: "Das stimmt doch nicht!" Puhle: "Doch. Das ist aktenkundig!"

Der Konvent wollte sofort über die Dessauer Lage zu diskutieren - in der die Krise am Theater nur ein Element ist. Es wurde beschlossen, dem Kultusminister mitzuteilen, dass man die Theaterkürzungen als "unproduktiv" für die eigene Arbeit begreife. Man einigte sich darauf, eine der nächsten Konventssitzungen in Dessau stattfinden zu lassen. Man einigte sich nicht auf eine "Lex Dessau", nämlich auf eine gesonderte Begutachtung der Dessauer Lage - das scheiterte am Einspruch anderer Regionen. Das ist nachvollziehbar und trotzdem nicht richtig, weil Dessau mit Halle zu den größten Kulturträgern des Landes gehört.

Interessant war die Diskussion trotzdem, in der klare Sätze fielen. Rüdiger Koch, Kulturdezernent in Magdeburg, wies auf die Solidaritätstarife an den Theatern hin, was nicht hinnehmbar sei auf Dauer. "Warum müssen die Bühnen einen Haustarif abschließen? Andere Teile der Verwaltung machen das auch nicht!" Er forderte, dass Schluss sein muss mit der Übertragung von Begriffen des ökonomischen Wettbewerbs auf die Kultur: "Da bewegen wir uns auf dem Begründungsleim der Finanzdezernenten. Kultur hat ihren eigenen Wert." Koch warb dafür, den Kultusminister darin zu unterstützen, dass sein Etat aufgestockt wird.

Ulrich Katzer, Kaufmännischer Direktor der halleschen Bühnen: "Wir werden scheitern, wenn wir uns nur im Hamsterrad der Kürzungsphantasien von Legislative und Exekutive bewegen; wir müssen sagen, was wir denken." Ein vom Intendanten des Neuen Theaters, Matthias Brenner, verfasster Brief an den Konvent wird herumgereicht, der sich - erstens - mit den Dessauern solidarisiert, und - zweitens - deutliche Worte zur Lage findet: "Sparen heißt heute wegnehmen und eben nicht vorsorgen, sondern einfach zerstören." Und das bei der besten Wirtschaftslage nach 1945. Stefan Gebhardt: "Unsere Aufgabe ist es nicht zu kürzen, sondern zu empfehlen."

Der Konvent lehnt es ab, dass bereits im Herbst mit der Evaluierung der Verbände und Vereine durch das Ministerium begonnen wird; das sei "kontraproduktiv". Man muss prüfen und zuhören: Wie am Montag den Sprechern des Werkleitz-Festivals, des Bürgerradios "Corax", des Offenen Kanals Magdeburg - Akteure, die in den Konvent gehört hätten, um dessen etwas gestrigen Kultur-Horizont zu erweitern. Aber: Da bewegt sich etwas. Wohl auch deshalb wird der Konvent nicht bis zum Jahresende, sondern noch bis ins Frühjahr 2013 arbeiten.

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