Kunstmuseum Magdeburg: Ausstellungen zu Arte-Povera-Star und Prozess-Skulptur

17.07.2012 22:19 Uhr | Aktualisiert 17.07.2012 22:29 Uhr
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Werke von Jannis Kuonellis

Werke von Jannis Kuonellis strahlen archaische Kraft aus. (FOTO: HANS WULF KUNZE)

Von günter kowa
Dass der gebürtige Grieche und Wahl-Italiener Jannis Kounellis ein Urgestein der "Kunst der armen Materialien" (Arte Povera) ist und sich im Alter von 76 Jahren überaus treu bleibt, das bestätigt der erste Eindruck seiner Ausstellung im Magdeburger Kunstmuseum.
magdeburg/MZ. 

Dazu trägt auch der jüngste Umbau des Klosters unser lieben Frauen bei, erstrahlt doch der Kreuzgang in reinstem Weiß, begleitet vom rhythmischen Lichteinfall der Bogenfenster zum Innenhof. Das korrespondiert bestens mit dem unerbittlichen Schwarz-Weiß-Klang in den Werken, denen ihrerseits ein wiederholtes Gleichmaß zugrunde liegt - Stahlplatten in den Durchschnittsmaßen eines Bettes, somit symbolisch für den Menschen an sich.

Protest gegen Pop

Mit Bedeutung aufgeladen ist bei Kounellis alles, und das nicht zuletzt kunsthistorisch. War doch die Arte Povera erst einmal eine Reaktion auf die Pop Art, deren schreiender Buntheit Kounellis sich mit dem Rückzug auf Schwarz und Weiß verweigert und deren Nähe zum Kommerz er mit der Beschränkung auf archaische Materialien beantwortet.

Die Treue zum einmal eingeschlagenen Kurs will Kounellis, wie er verschiedentlich betont hat, als ein fortwährendes Weiterentwickeln verstanden wissen, als ein Werk, das nicht auf einzelne Höhepunkte zuläuft, sondern fortwährend entsteht und wächst. Mit Rückgriffen auf erprobte Motive, aber auch mit Ausbrüchen in Experimente mit neu erkundeten Materialien. So begegnet man bei den neuen Arbeiten in Magdeburg vielfach dem Stoff Teer, aber in Verbindung mit seinen bekannten schwarzen Mänteln - bildhaft wiederum für menschliche Existenz -, die er in der zähen Pechmasse tränkt und auf Leinwände fallen lässt oder presst. Und der Teer ist mit der Kohle verwandt, die zu vielen seiner Werke gehört.

So kreist Kounellis weiter um elementare Stoffe - auch das Blei gehört dazu - und um existentielle Fragen des Schaffens-, wenn nicht gar des Schöpfungsprozesses. Die Treue zur eigenen Formen- und Materialsprache ist dabei Programm, wobei sich beim Betrachter das Gefühl einschleicht, da arbeite sich jemand bis ans Lebensende an selbst gestellten Fragen ab. Die Aussagekraft liegt freilich auch im eindringlichen Umgang mit den Räumen. In Magdeburg hat der Künstler selbst den Aufbau begleitet. Der Kontakt zu den Künstlern ist Tradition am Haus, das zudem schon vor neun Jahren mit einer eigenen Retrospektive auf die Arte Povera hervorgetreten ist.

Drei kleinere Räume hat es einem Künstler-Trio aus Sachsen-Anhalt für ein Thema zur Verfügung gestellt, das bei allem Unterschied zu Kounellis doch dessen gedanklicher Welt nahe steht.

In einer werkstattartigen, zum Lesen, Hören und Blättern auffordernden Installation, ziehen Johanna Bartl, Olaf Wegewitz und Wieland Krause ein Zwischenresümee ihres "Prozesskunstwerks", das als "Gewächshaus" bekannt und am Elbhang unterhalb des Klosters im Freilicht-Skulpturenpark zu betrachten ist. Dass aus dem Zwischenresümee ein Nachruf werden könnte, ist nirgends vermerkt. Es ist aber stadtbekannt, dass das Gewächshaus Oberbürgermeister Lutz Trümper ein gewaltiger Dorn im Auge ist. Wenn zutrifft, was die Künstler und auch Museumsdirektorin Annegret Laabs sagen, so scheint Trümper entschlossen zu sein, das Gebilde abzureißen.

Um Stellungnahme gebeten, lässt er mitteilen, Kulturdezernent Koch werde sich äußern, doch der schiebt anbrechenden Urlaub vor und bittet, bei Frau Laabs nachzufragen. So bleibt man auf frühere Erklärungen Trümpers angewiesen, das Kunstwerk - das pikanterweise ein Geschenk des Landes an die Stadt ist - könne doch im Rothehornpark einen Platz finden.

Fülle von Bezügen

Das aber wollen die Künstler nicht, denn das Werk steht da, wo es hingehört, im Kunst-Kontext des Skulpturenparks im Blickfeld der bedeutendsten der dort aufgestellten Plastiken, der "Mutter Erde" von Fritz Cremer aus dem Jahr 1951. Die ganze Fülle der dialektischen Bezüge lässt sich in der dokumentarischen Ausstellung, auch auf einer eigenen Internetseite, aber im Grunde schon im Umschreiten erfassen. Man wundert sich, warum die Schulen das Werk nicht längst als Unterrichtsstoff entdeckt haben, der von der Botanik über Ökologie und Geschichte bis zur Philosophie und, ja, auch der Kunst reicht.

Der "Prozess" jedenfalls läuft wie gewünscht. Unter dem Stahlgerippe eines der Treibhäuser von Vockerode, zu DDR-Zeiten mit Abwärme des Kraftwerks beheizt und nach der Wende demontiert, sorgt die Natur nun selbst für ihr Gedeihen.

Gut drei Dutzend angewehte Spezies gibt es schon, zuletzt haben sich Ahorn, Schafgarbe, Waldrebe und sogar Kirsch- und Apfelbaum zu den üppigen Winden, Nesseln und Gräsern hinzugesellt. Das Gestänge des Treibhauses wiederum steht für menschliches Untertanmachen der Natur, was wieder in einer gegängelten Arbeitswelt mündete, wie aus protokollierten Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter zu entnehmen ist. Über Hegelsche Unterscheidungen vom "Naturschönen" und "Kunstschönen" lässt sich am "Gewächshaus" jedenfalls bestens diskutieren.

Bis zum 9. September, ("Gewächshaus" bis zum 2. September), Di-So 10-17 Uhr.