Sein erster war sein wirkungsvollster Film: „Ehe im Schatten“ - der erfolgreichste deutsche Film der Nachkriegszeit. Mehr als zwölf Millionen Zuschauer deutschlandweit. 1947 zeitgleich gestartet in allen vier Sektoren. Und in allen Sektoren dieselbe Reaktion: Totenstille als der Abspann lief. Die Menschen blieben sitzen.
Ein tieftrauriger Film, in dem Kurt Maetzig die wahre Geschichte des Ufa-Schaufspielers Joachim Gottschalk erzählte. Eines Leinwandstars, den die Nazis zwingen wollten, sich um der Karriere willen von seiner jüdischen Ehefrau zu trennen. Gottschalk tat das nicht, sondern nahm sich gemeinsam mit seiner Frau 1941 das Leben. Als Maetzigs Film 1948 in Hamburg seine Premiere erlebte, kam es zum Tumult. Noch bevor der Film nach der Wochenschau über die Leinwand flimmerte, erkannte das Publikum den „Jud Süß“-Regisseur Veit Harlan, der des Saales verwiesen wurde.
Ein Film, den Kurt Maetzig machen musste: der Charlottenburger Großbürger, der der Sohn einer jüdischen Mutter war, die sich aus Angst vor der Gestapo das Leben nahm. Einflussreichen Freunden hatte es Maetzig zu verdanken, dass er als „Halbjude“ nicht deportiert wurde. 1944 trat er in die illegale Kommunistische Partei ein und gründete 1946 die Defa mit. Für die erfand er den „Augenzeugen“, die Wochenschau von links, samt Slogan: „Sie sehen selbst, Sie hören selbst, urteilen Sie selbst!“
Maetzig, der Chemie-, Ingenieurs-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft studierte, der über das Rechnungswesen einer Film-Kopieranstalt in München promoviert wurde, war für die Defa der Mann der Stunde. Wie zwangsläufig schrieb er Filmgeschichte: mit dem Propaganda-Zweiteiler „Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse“ (1953) und „Führer seiner Klasse“ (1954), mit dem Kollektivierungs-Epos „Schlösser und Katen“ (1956), mit dem Streifen über das NS-Engagement des IG Farben-Konzerns „Der Rat der Götter“ (1950), mit „Schweigender Stern“ (1960) nach Stanislaw Lem - der erste Science-Fiction-Film der DDR.
Und schließlich die am meisten tragische Komödie: „Das Kaninchen bin ich“, 1965 auf Politbüro-Weisung als staatsfeindlich verboten. In diesen Wochen habe er wirklich Angst gehabt, sagte Maetzig. Angst vor Verhaftung, Angst vor einem Prozess. Es ging dann doch weiter für ihn nach 1965, aber die großen Jahre waren vorüber. Gern hätte er Tucholskys „Rheinsberg“ verfilmt. Oder Voltaires Satire „Candide“, sagte er vor einem Jahr. Bis zuletzt sah er sich die neuesten Kinofilme auf DVD an. Daheim in seinem Haus in Wildkuhl in Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist Kurt Maetzig am Mittwoch im Alter von 101 Jahren gestorben.