Eine "neue Liebe"? Okay, das soll es geben. Zusatz: mit 93. Oha! Da beginnt das Gehirn - vornehmlich die rechte, für Emotion und Fantasie zuständige Hälfte - zu rattern: Zwei jung verliebte Alte, wie benehmen die sich? Haben sie Schmetterlinge im Bauch wie Teenies? Was fasziniert sie aneinander? Welche Rolle spielt das Äußerliche, das hinter jugendlichen Schönheitsidealen zurückbleibt? Und am Ende auch die Frage: Wie halten sie es mit dem Sex?
Im auf- und abgeklärten Diskurs ist schnell behauptet, die Schlüsselloch-Perspektive sei doch bloß eine Sache für Voyeure. Andreas Dresens hochgelobter Film "Wolke 9", der die Beziehung eines Paars jenseits der 70 schildert, spricht eine andere Sprache, indem er Sexualität im Alter in aller Deutlichkeit vorführt und damit sehr wohl an ein Tabu rührt. Es habe ihn "angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt", sagte der Regisseur. "Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren."
Diese Verdrängung ist nicht allein damit zu erklären, dass Alterssexualität den gesellschaftlich und medial hochgezüchteten Leitbildern einer makellosen, ewig jungen Klum-Körperlichkeit zuwiderläuft. Die Irritation geht vielmehr tiefer und hat weniger mit den Gefühlen der unmittelbar Betroffenen zu tun als mit den Emotionen ihrer Kinder: Sie tun sich oft schwer damit, wenn nach dem Tod eines Elternteils ein neuer Partner an die Seite von Vater oder Mutter tritt.
Nicht weil die Kinder missgünstig wären, sondern weil sie den Platz, den Vater oder Mutter in ihrem Leben eingenommen haben, plötzlich neu belegt und damit in seiner Einmaligkeit gefährdet sehen. Jenseits aller Erfahrung mit scheiternden Beziehungen, Trennungen und Scheidungen wirkt hier ein Ideal von Treue "bis zum Tod und darüber hinaus" nach, wie es schon die griechische Antike im Mythos von Philemon und Baucis ausgeprägt hatte - jenem alten Paar, dem die Götter das Privileg zugestehen, zur gleichen Zeit sterben zu dürfen und sich so niemals trennen zu müssen.
Ein Paarverhältnis, wie es Ex-Kanzler Helmut Schmidt in hohem Alter eingegangen ist, offenbart die Vielschichtigkeit und Komplexität der Zweierbeziehung. Wesentliche Momente wie die gegenseitige Fürsorge, Betreuung und Pflege spielen in dieser Lebensphase eine weitaus wichtigere Rolle als bei jungen Paaren. Ähnliches gilt für gemeinsame Interessen, Werte und Ideale - das, was altmodisch "Seelenverwandtschaft" genannt wird.
Im Grunde sind alte Liebespaare zu beneiden: Sie müssen nichts mehr wollen, (sich) nichts mehr beweisen und vielleicht auch nichts mehr fürchten. Außer den Tod, der unausweichlich ist. Womöglich liegt darum ein besonderer Zug von Melancholie über der späten Liebe. Selbst wenn sie von Dauer ist, ist ihr nur eine vergleichsweise kurze Zeitspanne beschieden. Auf das Hochgefühl des Zueinanderfindens folgt unweigerlich bald schon der Schmerz der Trennung. Es mag sein, dass auch dieser Gedanke die Jungen, die ihr Leben vor sich zu haben glauben, mehr schreckt als die Alten selbst. Insofern erlaubt die Erfahrung von Liebe im Alter ein doppeltes existenzielles Lernen: das Leben im Jetzt zu leben, in der Gegenwart, und das Einwilligen in Grenzen. Welches Glück, wenn das gelingt. FOTO: DPA